Miserere Tournee-Konzert
Justin Doyle, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchor Berlin, übernimmt das erste Tourkonzert der Saison und führt das Publikum durch ein Programm zwischen Klage und Hoffnung, Rufen aus der Tiefe und der Gewissheit der Erlösung. Dabei wird geistliche Musik der Barockzeit und des 20. Jahrhunderts zu einem eindringlichen dramaturgischen Bogen verbunden.
Domenico Scarlattis prachtvolles zehnstimmiges Stabat mater von 1724 eröffnet den Abend. Ein viel zu selten aufgeführtes Werk von unvergleichlicher Aura, dessen Musik zentrale Fragen der menschlichen Existenz berührt und unmittelbar ins Herz geht. Im Zentrum des Programms steht Frank Martins Messe für Doppelchor, eines der bedeutendsten und zugleich schönsten Chorwerke des 20. Jahrhunderts. Der Schweizer Komponist schrieb die Messe zwischen 1922 und 1926 und hielt die Partitur anschließend vier Jahrzehnte lang unter Verschluss. „Damals war die Messe für mich nur eine Angelegenheit zwischen Gott und mir“, erklärte Martin nach der Uraufführung 1963.
Diesem persönlichen Zeugnis von Glauben und Spiritualität werden drei Werke gegenübergestellt, die um die Sehnsucht nach göttlichem Erbarmen kreisen: „Miserere mei, Deus – Gott, sei mir gnädig“ – so beginnt Psalm 51. Der schottische Komponist James MacMillan entführt in seiner Vertonung dieses Textes von 2009 in Klangwelten voller Strahlkraft und Wärme; bereits mit den ersten Takten wird klar, dass die Bitte um Gnade Erhörung finden wird. Herber und mystischer, aufgewühlter, aber nicht minder innig ist das Miserere der slowenischen Komponistin Nana Forte von 2023. Das mittelalterliche Gedicht Stabat mater erzählt dramatisch von Trauer, Verlust, Machtlosigkeit, Empathie und Trost: Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes Jesus ist voller Schmerz und gleichzeitig Vermittlerin zwischen Gott und den Sterblichen bei deren Flehen um Beistand.