Interview mit Sprachcoach Maria Dribinsky

Seit dem 14. April probt der RIAS Kammerchor Berlin verschiedene Stücke des russischen Komponisten Igor Stawinsky, die am 06. Juni in einem Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) zur Aufführung kommen werden.

Sprachcoach Maria Dribinsky hilft dem Chor mit der russischen Sprache der Stücke. Im Interview stellt sie ihre Arbeit und die Musik Strawinskys vor.


Seit 30 Jahren arbeitet sie als Sprachcoach für Sänger*innen, u.a. an der Deutschen Oper Berlin, mit dem Rundfunkchor Berlin und dem RIAS Kammerchor Berlin. Zuletzt war sie in Moskau tätig, wo sie Richard Strauss "Salome" am Bolschoi-Theater begleitet hat.

 
 

„Ich suche immer den kürzesten Weg.“


Wie schwierig ist es, Russisch zu singen, wenn man die Sprache nicht spricht?

Die Schwierigkeit der russischen Sprache für deutsche Muttersprachler*innen ist, dass ihr ein anderes Alphabet zugrunde liegt. Es hat oft gar nicht damit zu tun, ob man als Sänger*in russisch kann oder nicht. Die Buchstaben lesen zu können, bedeutet noch nicht, dass man sie auch singen kann. Darum müssen wir, bis auf einige wenige Sänger*innen, die wirklich russisch gelernt haben, immer mit Umschriften, so genannten Transliterationen, arbeiten. Diese sind manchmal ein Problem, weil sie sich an von Linguistin geschaffenen Standards orientieren, die sich nicht gut zum Singen eignen. Manche Buchstaben werden zwar korrekt wiedergegeben, beim Singen entstehen aber andere Klänge. Es ist also wichtig, das zu übertragen, was tatsächlich klingt. Deswegen habe ich seit einigen Jahren angefangen, eigene Umschriften zu erstellen, um die Probezeit zu verkürzen.


Wie gehen Sie ein neues Projekt als Sprachcoach an?

Wenn ich zu den Proben hinzukomme, wurde meistens bereits mit englischen Übertragungen gearbeitet. Zunächst gilt es, sich mit diesen Übertragungen auseinanderzusetzen, denn jede*r Deutsche liest die Feinheiten dieser Transkriptionen unterschiedlich. In deutschen Chören arbeiten außerdem oft auch ausländische Sänger, die die wieder eine eigene Art des Singens haben.
Das heißt, ohne Coach kommt man nicht durch. Die Schwierigkeit ist, dass wir die ersten Proben dazu nutzen müssen, vorhandene Übersetzungen umzuschreiben. Um das zu vermeiden, muss ich meistens die letzten drei Nächte über diesen Noten sitzen, wie diesmal auch, weil es sehr unterschiedliche Ansichten gibt, wie etwas ausgesprochen wird. Bei meiner Arbeit gehe ich immer der Frage nach: Wie bringt ein*e deutschsprachige*r Sänger*in den russischen Text am schnellsten zum Klingen? Ich suche immer den kürzesten Weg.


Wie gestaltet sich die Arbeit vor Ort?

Meistens bin ich bis zur Übergabeprobe an den Dirigenten dabei. Wenn der Dirigent selbst nicht Russisch spricht, bleibe ich auch für die Orchesterproben dabei, weil er die Aussprache selbst nicht kontrollieren kann.
Es hängt aber auch vom Stück ab. Bei den Stücken in diesem Programm geht es weniger um den Inhalt des Textes, sondern um die Art und Weise, wie dieser Text verwendet wird. Strawinsky benutzt den Text eher wie ein zusätzliches Instrument, ja als Schlagwerk. Bei anderen Stücken aus anderen Epochen, in denen man mehr Phrasierungen oder Atemzeichen benötigt, ist das anders. Ich bin also nicht nur Sprachcoach, sondern auch musikalische Assistenz, Begleiterin und Beraterin, weil ich selbst aus der Musik komme und nicht als Sprachwissenschaftlerin auftrete.


„Bei meiner Arbeit gehe ich immer der Frage nach: Wie bringt ein deutschsprachiger Sänger den russischen Text am schnellsten zum Klingen? Ich suche immer den kürzesten Weg.“


Was sind die Besonderheiten und Schwierigkeiten in "Les noces" von Strawinsky?

Das Stück ist in den meisten Teilen sehr schnell, das bedeutet, der Text muss perfekt sitzen. Die größten Schwierigkeiten der russischen Sprache sind die Konsonanten. Im Russischen gibt es circa 20 von ihnen, und jeder einzelne kann weich oder hart ausgesprochen werden. Das heißt, es sind für deutsche Ohren 40 Konsonanten. Die meisten deutschen Sänger*innen hören überwiegend auf die Vokale, das ist ganz normal. Ein*e russischsprachige*r Sänger*in hört in der Betonung der Vokale keine Unterschiede, er oder sie hört die Konsonanten. Man muss die Konsonanten also so setzen, dass der Chor nicht mehr überlegen muss, wie die kommende Passage ausgesprochen wird.

Die Betonungen der Silben muss automatisch laufen, um den Text exakt in das Tempo einzubringen und mit der Sprache spielen zu können. Diesen Stück ist zudem besonders schwierig, weil dasselbe Wort an verschiedenen Stellen unterschiedlich ausgesprochen wird. Strawinsky verwirrt die Sänger*innen zusätzlich, indem er viele Synkopen verwendet oder das Metrum mitten im Stück ändert.


Was würden Sie angehenden Sänger*innen raten, wie sie mit russischsprachigen Stücken umgehen sollen?

In Russland kommen häufig dieselben Fragen, was die deutsche Sprache angeht: „Was sollen wir als erstes machen?“
Da deutsch nicht meine Muttersprache ist, war die deutsche Sprache mir am Anfang vollkommen fremd. In der Musikhochschule habe ich jedoch Sprecherziehung gehabt. Sie gibt uns nicht nur ein Bewusstsein für eine bestimmte Aussprache, sondern auch ein Gefühl fürs Atmen. Wie funktionieren meine körpereigenen Instrumente Mund und Gesicht?
Auch jetzt komme ich auf viele Dingen von damals zurück, beispielsweise auf Theodor Siebs. Sein Bühnensprachenwerk "Deutsche Hochsprache: Bühnenaussprache" (1922) ist bis heute gültig. Sowohl in der deutschen Bühnensprache als auch im Russischen muss man sich viel mit der Sprache auseinandersetzen und sehr viel hören. In den slawischen Sprachen hört man eher die Konsonanten, in westlichen Sprachen geht es eher um die Farbe und Länge der Vokale, was für die russische Sprache völlig irrelevant ist. Es gibt keine kurzen oder langen Vokale. Wenn in den Noten eine Viertel- oder Achtelnote vorkommt, singt man im Russischen einen Vokal pro Note. Im Deutschen müssen wir schauen, wie man einen langen Vokal auf eine kurze Note setzt. Für Muttersprachler*innen sind diese Dinge häufig selbstverständlich. Trotzdem muss ein Chor anfangen, diese Feinheiten sehr bewusst wahrzunehmen, da sie in einer anderen Sprache ganz anders sein können.