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Haferschleim und Zentrifuge

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 17.02.2004

Zum Abschluss des Festes der Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH

Der ROC Berlin muss man einfach alles Gute wünschen. Erstens, weil sie es verdient hat: Vier hervorragende Ensembles, zwei Orchester und zwei Chöre, sind in dieser GmbH aufgehoben. Zweitens, weil sie es nötig hat: Denn angesichts der Sparlust des Bundes und des Berliner Bankrotts ist ihre Finanzierung doch gefährdet. Es ist nicht abzusehen, ob das nächste ROC-Fest in der jetzigen Form wird gefeiert werden können.

Aber gerade weil man der ROC alles Gute wünscht, wünscht man auch, sie hätte sich selbst ein griffigeres, prägnanteres Fest zum 10. Geburtstag bereitet. Denn dem Konzert des RSB am Freitag, dessen kluge Programmzusammenstellung in der gestrigen Ausgabe dieser Zeitung gelobt wurde, folgte in den beiden Konzerten am Sonnabend und Sonntag nichts Adäquates nach. Dabei standen die beiden Abende sogar unter der gemeinsamen konzeptionellen Idee des Chors als einer Instanz, in der die Vielen wie mit einer Stimme sich äußern. Das ist ein schönes Symbol, dessen Umsetzung dann doch scheiterte.

Den Sonnabend bestritten die beiden Chöre, der Rias-Kammerchor und der Rundfunkchor. Dafür war ein Kompositionsauftrag an Hans Schanderl vergeben worden. Wer Schanderls längliche Blech-Fanfare für die Konzerte des Sommerfestivals "Young Euro Classic" kannte, wurde durch "Meerwunder", die Vertonung von drei Gedichten Gertrud Kolmars, angenehm überrascht. Schanderl nutzt die Möglichkeiten eines räumlich verteilten Chors für interessante Echoeffekte und sphärisch wirkende Klanggewebe. Als Anknüpfungspunkte ließen sich Ligeti nennen, wohl auch elektronisch bearbeitete Chormusik etwa in Luigi Nonos "Prometeo", deren Effekte gewissermaßen in die natürliche Stimmerzeugung rücktransponiert wurden. An Nono erinnert auch das gelegentliche Heraustreten archaisch reiner Intervalle, etwa von Quarte und Quinte kurz nach Beginn.

Mit diesen Wirkungen, in denen Kolmars Text fast völlig verschwindet, begnügt sich das Stück aber auch. Dabei bedient sich Schanderl in seinen Klangflächen nicht der chromatischen Totalen, sondern der Diatonik, was ein wenig dem schönen Geräusch eines stimmenden Orchesters ähnelt. Im Ganzen klingt das aber etwas ungewürzt, ein beruhigendes, vage vertrautes Gesumm und Gebrumm legt sich milde aufs Gehör wie Haferschleim auf empfindliche Magenwände.

Leider war damit die dramaturgische Spannweite des Konzerts schon so gut wie umschrieben: zwischen Romantik und gemäßigter Moderne, im durchwegs getragenen Ton. Höhere Ansprüche an das Hören stellte die Celan-Vertonung "Nachklänge" von Robert Heppener, aber auch hier flossen Geräuschklänge (Zischen, Schnalzen) und herkömmliche Tonproduktion so nahtlos ineinander, dass es zu jener Irritation, die Aufmerksamkeit erzwingt, nicht kommen konnte.

Es ließ sich feststellen, dass Daniel Reuss mit dem Rias-Kammerchor bei Mendelsohn Bartholdys Psalmvertonung "Warum toben die Heiden" op. 78, 1 eine Artikulation bevorzugt, die sich näher am Wortkörper orientiert, während Simon Halsey in Anton Bruckners Motetten "Ave Maria" und "Christus factus est" eher auf ein breites, etwas indifferentes Strömen der Stimmen setzt; Konsonanten werden hier nur als lästige Nebenerscheinungen behandelt und möglichst weich und stimmhaft artikuliert. Interessant auch der Vergleich zwischen den mosaikartig fein konstruierten Shakespeare-Vertonungen von Frank Martin und den eher in der klanglichen Totalen angesiedelten von Ralph Vaughan Williams. Zuletzt fragte man sich aber doch, ob ein reines Chor-Konzert nicht etwas wagemutigere Akzente im Bereich der Alten wie der Neuen Musik hätte setzen können - eine Ockeghem-Messe und ein Holliger-Stück hätten doch mehr Farbe gegeben.

Während der Sonnabend also musikalische Schonkost bot, gab das DSO am Sonntag unter Kent Nagano ein typisches DSO-Konzert. Dessen zentrifugales Prinzip - das Zusammenschleudern von ästhetisch Widerstrebendem - wurde aber so überreizt, dass der Abend auseinander brach. Auf die gelenkig dargebotene Bach-Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied" mit dem Rias-Kammerchor und kleinem Continuo-Ensemble folgte Jörg Widmanns "Chor" für Orchester, eine Uraufführung. Im Widerspruch zu seinem Titel ist Widmann weniger an chorischen Elementen interessiert als an der vielfältigen, interessant differenzierten klanglichen Ausgestaltung einer einzelnen Linie. Gelegentliche Klangblöcke wirkten wie versprengte Trümmer aus der Zeit der großen Symphonik, an einer Stelle meinte man das harmonische Sequenzieren Bruckners zu hören, und so wuchs auch dem Unisono jene pathetische Qualität zu, die es im traditionellen Repertoire hat. Nur wird es dort sparsam eingesetzt; Widmanns Stück wirkte, als wollte es von der Bedeutsamkeit dieser Tradition zehren, ohne die dramaturgische Formanstrengung auf sich zu nehmen, die dieses Pathos hervorgebracht hat.

Der Rundfunkchor sang Arnold Schönbergs "Friede auf Erden" mit Intonationsproblemen in den Sopranen, angesichts derer man wohl besser auf Schönbergs Vorschlag einer verdoppelnden Orchesterbegleitung hätte zurückgreifen sollen. Und dann ging der Abend mit Carl Orffs "Carmina burana" zu Ende. Der Rezensent gesteht zwar, diese krachlederne Hymne an Lebens- und Liebeslust gerne zu hören, und abgesehen von einigen Wackeleien des Staats- und Domchors Berlin - die wohl durch Naganos kleinen Schlag verursacht wurden - war es auch eine zünftige Aufführung, aber was eine solche dramaturgische Knickkurve vom Gotteslob zum Saufgesang den Hörern sagen soll, weiß der Himmel. Dieser möge auch verhindern, dass die ROC bei ihrem nächsten Fest wieder an jenes Layout-Büro gerät, dessen seekranker Schriftsatz und migränefördernde Farbwahl die Goldene Gurke für die fieseste Programmheftgestaltung verdient hat.

 

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