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Klassik ist, wenn man trotzdem hingeht

Jörg Königsdorf, Der Tagesspiegel, 06.02.2004

Das Wunder von Nantes: Das Musikfestival an der Loire lockt immer mehr Besucher an. Eine Zukunftsmodell

Eigentlich sieht René Martin gar nicht aus wie jemand, der Wunder vollbringt. Im Gegenteil: Beinahe übersieht man den kleinen, schwarzbebrillten Mann, der zwischen den Menschenmassen hindurch flitzt, die sich vor den Sälen der Nanteser Cité des Congrés stauen. Und doch ist allein er es, der sie alle hierher gebracht hat – der es geschafft hat, dass sich tausende Menschen morgens aus den Betten quälen, um ein Schumann-Klaviertrio zu hören oder noch um elf Uhr nachts Schlange stehen, um MendelssohnPsalmen zu erleben.

René Martin ist Frankreichs erfolgreichster Festivalmacher. Er zeigt, wie man klassische Musik unters Volk bringt – sommers in seinem Open-Air-Klavierfestival im provençalischen La Roque d'Antherón, winters seit inzwischen zehn Jahren bei der „Folle journée“ in seiner Heimatstadt Nantes an der Loiremündung. „Das Gerede von der Krise der Klassik ist purer Unsinn“, sagt Martin mit leiser Bestimmtheit, „die Krise entsteht nur, wen man sie behauptet. Natürlich kann man Jugendliche genauso für Beethoven begeistern wie für U2 – man muss ihnen nur die Gelegenheit geben, diese Musik zu hören.“ Diese Gelegenheit gibt es in Nantes mehr als genug: Selbst wer keine Konzertkarte kaufen will, hat in der großen Halle der Cité rund um die Uhr Gelegenheit, Klassik für lau zu hören – und Geschmack auf mehr zu bekommen.

Und wer sich hier umschaut, merkt bald, dass die Anziehungskraft der „Folle journée“ offenbar weit über die bürgerliche Mittelschicht der 250000 Einwohner-Stadt hinausreicht. Für 40 Prozent der Besucher findet hier der Erstkontakt mit klassischer Musik statt. Seit 1995, als das Festival im neuen Kongresszentrum aus der Taufe gehoben wurde, hat sich die Zahl der Konzerte von 34 auf über 250 erhöht. Hörten sich vor zehn Jahren noch 18000 Besucher Werke von Mozart an, kamen diesmal weit über 100000 zur Musik der „Generation 1810“: Liszt, Chopin, Mendelssohn und Schumann. Aus dem „Tollen Tag“ ist mittlerweile ein fünftägiges Mammutfestival geworden – und ein gefragter Exportartikel: Seit einigen Jahren gibt es eine „Folle journée“ auch in Lissabon und Bilbao, ab 2005 folgt Tokio.

Angesichts einer solchen Bilanz bekommen hiesige Intendanten vermutlich wehmutsfeuchte Augen. Besser wäre freilich, wenn sie genau hinschauen würden, wie das Wunder von Nantes zustande kommt. Hinter dem spektakulären Erfolg steckt ein triftiges Konzept. Das besteht vor allem darin, die Eintrittsschwellen so niedrig zu halten wie möglich, ohne musikalische Kompromisse zu machen. Statt die Klassik zu vermeintlich einstiegsfreundlichen Drei-Minuten-Bits zu verhackstücken, sorgt Martin lieber für niedrige Eintrittspreise – im Durchschnitt 8 Euro – und eine kürzere Konzertdauer: Die Mehrzahl der „Folle“-Konzerte in den zehn Sälen dauert nur eine Dreiviertelstunde – genug, um den Konzert-Charakter zu wahren und die meisten klassisch-romantischen Werke unterzubringen, aber eben nicht zu lang.

Das allein reicht freilich noch nicht, um den Erfolg von Nantes zu erklären. Genauso wichtig ist, dass die „Folle Journée“ tatsächlich viel von einem verrückten Fest hat, bei dem sich die Tische unter der Last aller mögliche Delikatessen biegen: Schon die quantitative Überfülle versetzt jeden Musikliebhaber in permanente Entscheidungsqualen, die verschwenderisch eingesetzte Qualität der Zutaten erst recht. Auf den Schalensesseln der großen Zentralhalle sitzen ganze Familien und büffeln sich über den ausgefalteten Konzertplänen ihren Musikparcours zurecht: Erst das Mendelssohn-Te Deum mit Christoph Spering und dann Chopins erstes Klavierkonzert oder doch lieber Schumann mit dem fabulösen „Wanderer“-Trio und danach mit Glück noch einen Platz für den Kammerchor „Accentus“ und Liszts „Via Crucis“ ergattern?

Das Festival fordert nicht nur den Organisatoren (die allein 60 Umblätterer einteilen müssen), sondern auch jedem Besucher eine kleine logistische Meisterleistung ab. Doch das scheint hier ebenso wenig zu stören wie das lange, geduldig hingenommene Anstehen vor jedem Konzert. Denn alle wissen, dass sich das Warten lohnt: Martin holt regelmäßig die Crème der französischen Künstler an die Loire, ergänzt durch internationale Stars wie Barbara Hendricks oder Nelson Freire. „Klassische Musik überzeugt nur, wenn sie gut gespielt wird“, erklärt der Festivalchef, er selber kenne jedes Programm. Und so sind sich denn auch französische Pianistengrößen wie Anne Queffélec oder Alain Planés nicht zu fein, für ein Auditorium von Achtjährigen ein anspruchsvolles Chopinprogramm zu spielen und hinterher ihre Fragen zu beantworten. Und das auch noch für deutlich geringeres Honorar als anderswo, denn der erstaunlich kleine Festival-Etat von nur drei Millionen Euro geht zum Gutteil für ehrgeizige Projekte drauf. So wird für die Aufführung von Mendelssohns „Paulus“ durch den RIAS-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik beispielsweise eigens die einzige erhaltene (und prachtvoll klingende) Konzertorgel der Mendelssohn-Zeit nach Nantes gekarrt. Das Instrument trägt seinen Teil dazu bei, dass die packend dramatische, farbige Aufführung zum unbestrittenen Höhepunkt des Festivals wird.

Wer bei alledem denkt, dass die „Tollen Tage“ für den Rest des Jahres Katerstimmung verursachen, liegt übrigens falsch: Seit es die „Folle journée“ gibt, hat sich allein die Abonnentenzahl für die Nanteser Kammermusikreihe um satte 200 Prozent erhöht. Und Martin legt schon in drei Wochen nach, mit einer Aufführung des gesamten Klavierwerks von Robert Schumann inklusive begleitender Vorträge in verschiedenen Privathäusern der Stadt.

Wetten, dass auch das ein Erfolg wird?

 

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