
Es ist wohl der größte Vorzug von Mendelssohns "Paulus"-Oratorium, dass es bis heute zur Kontroverse verlockt. Dass sich keine bequeme Antwort finden lässt auf die Frage: Genial oder nur gekonnt gemacht? "O welch eine Tiefe des Reichtums" - die Chorzeile bezog man im 19. Jahrhundert gern auf Mendelssohns musikalische Einfälle; es wurde aber auch stets das Zwitterhafte bemängelt, die Mixtur aus Bach-Chorälen und Händel-Arien. Besonders verübelt hat man Mendelssohn und seinem Textdichter, dass sie den Märtyrertod des Paulus ausblendeten - von dem die Bibel gar nichts berichtet. So steht das Oratorium im Rufe einer nazarenischen Harmlosigkeit, woran selbst die konzise, unsentimentale Aufführung durch den Rias-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik Berlin nichts ändern dürften.
Wir wurden nicht vom Saulus zum Paulus. Immerhin: Es wurde messerscharf und mit Deutlichkeit deklamiert; Daniel Reuss ließ seinen Chor groß und doch nicht laut auftrumpfen, schlank und nicht dünn. Unter den Solisten zeichnete sich Franz-Josef Selig aus, ein Bass von dramatischem Format, machtvoll in der Tiefe, anrührend in der Höhe. Der Beifall in der Philharmonie war hoch verdient - und hätte noch länger angehalten, wäre das Orchester nicht schon nach der dritten Salve vom Podium getürmt. Eine Unsitte, die man sonst von den Philharmonikern kennt.
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