Presse  /  Presseecho  /  2004  /  Der Kurs der unerschöpflichen Vielfalt
  Suche  
|  Kontakt  | Newsletter
 

Der Kurs der unerschöpflichen Vielfalt

Peter Uehling, Berliner Zeitung, 03.01.2004

Der Rias-Kammerchor und die Akademie für Alte Musik unter Daniel Reuss führen Mendelssohns "Paulus" auf

Haydns letztes Oratorium und Mendelssohns erstes trennen nur ein gutes Vierteljahrhundert, und dennoch kann man ermessen, wie schwer es einem Komponisten um 1830 plötzlich fallen musste, sich in der Gattung Bachs, Händels und Haydns zu erproben, ohne dabei sich selbst zu verleugnen. Schon Haydn zehrte in seinen Oratorien von den Händel-Eindrücken seiner England-Reise, aber Händels Stil war noch leichter in den der Wiener Klassik umzudenken. Mendelssohn dagegen hatte zwei Jahre, bevor er sich an die Komposition seines "Paulus" machte, Bachs Matthäuspassion in der Sing-Akademie wiederaufgeführt und sah sich nun zur Auseinandersetzung mit Formen und Techniken gedrängt, die dem symphonischen Stil erst einmal fern stehen: Dem protestantischen Choral und dem kontrapunktischen Satz.

Das Neujahrskonzert des Rias-Kammerchores unter Daniel Reuss regte dazu an, über solche kompositionsgeschichtlichen Bezüge und Schwierigkeiten nachzudenken. Die bald abflauende Begeisterung der Zeitgenossen für den "Paulus" ist nachvollziehbar: Auch dem heutigen Zuhörer wird die Affektlage in vielen Nummern auf eine Art festlich erscheinen, die stilistisch unspezifisch ist: Weder das pfingstlich verzückte polyphone Durcheinander Bachs, noch die theatralisch lärmende Majestät Händels, sondern ein Gemisch aus beidem, das schnell wie eine laue Kulturbezeugung wirken kann, nähme man es naiv von der ergriffenen Seite.

Daniel Reuss hat seinen Chor und die Akademie für Alte Musik Berlin jedoch auf einen anderen Kurs eingeschworen, einen Kurs der unerschöpflichen Vielfalt von Farben. Diese zwingt zunächst zum Zuhören, prahlt nicht mit dem Großformat, das von selber läuft, sondern verlangt vom Hörer Mitarbeit. Denn vieles steigt aus einer Mittellage auf, in die sich das Ohr erst eingewöhnen muss, die aber Mendelssohns erste Maßnahme ist, sich einen eigenen Klang neben den in die Höhe strebenden Instrumentationen seiner Vorgänger zu schaffen.

Die Ouvertüre beginnt mit einem Choralsatz, eine Fuge folgt: Die Referenz vor Bach ist unverkennbar. Aber eine solche Form, in welcher der cantus firmus zunächst motivisch in die Fuge einbezogen wird, um dann später deren Kulmination zu bilden, gab es bei Bach nicht, sie ist Mendelssohns Erfindung. Bei Reuss hat eine solche Kulmination nichts lärmendes, sie wirkt ganz aus der Pulsation der Klänge hervorgetrieben, mit ihnen organisch verbunden. Den Lärm behält er sich für solche Stellen vor, in denen er, wie bei den Fanfaren im "Wachet auf"-Choral, illustrative Funktion hat. Andere Lösungen überzeugen weniger: Die Arien etwa sind formal oft nicht sehr eigenständig, damit sie sich weniger stark von den Rezitativen absetzen - Mendelssohn hat auf den Fluss der "Paulus"-Musik großen Wert gelegt, die ständigen Neuansätze im barocken Oratorium müssen einen symphonisch denkenden Geist gequält haben.

Dass die Handlung kaum stille steht, kaum einmal richtig dramatisch wird, mag man als Schwäche empfinden. Aber indem Reuss stets auf die Komposition wies, nicht auf das, was erbauen mag, sondern das, was gemacht und gedacht wurde, schlugen sich solche dramaturgischen Probleme nicht nieder. Und ergreifende, weil ergreifend schön musizierte Passagen gab es dennoch: Die Tenor-Kavatine "Sei getreu bis in den Tod", von Stephan Rügamer mit wundersam leichter Höhe gesungen und vom Solo-Cello Jan Freiheits bestrickend umspielt, sei hervorgehoben, ebenso die gestalterische Ökonomie, mit der Franz-Josef Selig den Part des Paulus zwischen opernhafter Entäußerung und protestantischer Nüchternheit ortete. Sibylla Rubens wirkte dagegen etwas einförmig im Ansatz der seltsamerweise dem Sopran überantworteten Erzähler-Partie.
 
Was der Rias-Kammerchor an Klängen vom Zischeln bis zum lyrischen Bogen, von der sanften Stimme Christi in der Damaskus-Szene bis zum schneidend-nackten Tritonus des "Steiniget"-Rufes zeigt, scheint unübertrefflich; zudem hat der Sopran seit Reuss Übernahme des Chores von Marcus Creed an Volumen und Wärme gewonnen, was sich gerade in dieser Literatur sehr vorteilhaft auswirkt. Die Akademie für Alte Musik war rhythmisch und intonatorisch nicht ganz so souverän wie der Chor, stand ihm aber was den Reichtum der Farbpalette betrifft nicht nach.

Reuss wies auf das, was in der Komposition gemacht und gedacht wurde. Es gab da ergreifende, weil ergreifend schön musizierte Passagen.

 

Presseecho Archiv


 
Rundfunk Orchester und Chöre (gemeinnützige) GmbH Berlin