RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Wie uns die Alten sungen

St. Galler Tagblatt, 13.12.2004

Singen ist Seligkeit und Schwerarbeit, zumal gemeinsam, mehrstimmig, mit oder ohne Instrumente:

Den Engeln auf Jan Van Eycks Genter Altarbild ist anzusehen, dass ein lupenreines Gloria nachts bei den Hirten auf dem Felde nicht ohne höchste Konzentration vom Himmel fällt. Nichts von dieser Mühe und Anstrengung ist freilich zu spüren in der Kassette von drei Compact Discs, die der freuden- und schmerzenreiche Chorus Angelorum als Coverbild ziert.

Das Schönste aus drei Jahrhunderten Chorliteratur, beginnend mit Bach, endend bei Messiaen, wird hier vom RIAS-Kammerchor als Geschenk zum sangesfreudigsten Fest des Jahres verpackt: ein optimistisches Signal dafür, dass Chorgesang auch im 21. Jahrhundert seinen Platz haben wird - und weiterhin nicht nur ausgebildeten Spezialisten überlassen werden sollte. Dabei legt der RIAS-Kammerchor mit seiner Zusammenstellung aus Aufnahmen der letzten acht Jahre unter drei Chefs und René Jacobs als Gastdirigent die Messlatte unerreichbart hoch. Das Schönste ist oft auch vertrackt, schlicht Wirkendes höchst empfindlich in Intonation und Gestaltungsnuancierung. Hier wird es zu Sternstunde.

Kaum ein Berufschor bewegt sich gegenwärtig so stilsicher zwischen Alter und Neuer Musik, besonders, wenn es um Klangdifferenzierung geht. Die Auswahl verrät die Stärken der RIAS-Sängerinnen und -Sänger: Geistliche Chormusik von inniger Seelenruhe und latenter Erotik. Weihnachtliche Kostproben: Wohlgemerkt verspricht die CD-Sammlung "Chorus" keine der üblichen Weihnachtskompilationen, auch wenn mit den einleitenden Prachtchören "Jauchzet, frohlocket" und "Ehre sei dir, Gott, gesungen" und zwei Chorälen aus Bachs Weihnachtsoratorium ein Leitmotiv für die Juwelenschau des renommierten Berufschors gesetzt ist (und die Kaufmotivation zumindest dieser Tage verstärkt). Das mag, ausserhalb der Saison gehört, möglicherweise zu Irrritationen führen. Denn Friedrich Silchers Chorsatz zu "Adeste fideles" das andächtige "Stille Nacht" von Mandyczewski und Regers dem süssen Jesulein gesungene Wiegenlieder sind eben nicht lediglich Beispiele höchster A-cappell-Kunst im Wandel der Zeit, als die sie hier zwischen barocke Opernchöre, die Frühlingsfrische Haydns oder die zarten Shakespeare-Vertonungen von Ralph Vaughan Williams gestellt werden. Sie duften nach Zimt und Nelken - das ist im Mai oder Juli nicht jedermanns Sache.

Als Probierpackung aber verführt die Kassette zu weiteren Anschaffungen, zumal der ausführliche Booklet-Text Neugier auf mehr Beispiee weckt, Zusammenhänge stiftet und das Verständinis vertieft, statt (wie längst üblich) das bereits gekaufte Produkt noch einmal vollmundig anzupreisen. Die Aufnahmen sprechen ohnehin für sich.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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