Zweieinhalb Stunden reine Spielzeit, das ist schon ein bisschen breit für den "Messiah". Was Händels Publikum 1742 als "grand musical entertainment" bejubelte, wird am Freitag mit nahezu gottesdienstlichem Ernst im Potsdamer Nikolaisaal zelebriert.
Nicht, dass dies völlig verfehlt wäre. Aber wenn sich bereits der Komponist Dispens in Sachen Liturgie erteilte, sollten auch seine Interpreten nicht gerade dort zu beten anfangen, wo, bei aller Feierlichkeit, Unterhaltung gewollt war.
Die Interpreten sind hier die Akademie für Alte Musik und der Rias Kammerchor aus Berlin, sind die Solisten Johannette Zomer, Marianne Beate Kielland, Jan Kobow, David Wilson-Johnson und Dirigent Daniel Reuss. Das insgesamt beachtliche Resultat verantworten sie zusammen, im Einzelnen bleibt einiges zu sagen. Vor allem das: Der Rias Kammerchor ist das Ereignis des Abends. Wie kontrolliert beiläufig er das "Hallelujah" beginnen lässt - und wie strahlend enden! Mag es Pult-Arbeiter Reuss eigentlich bedächtig mögen, zum Glück für die 28 Sänger kann der Niederländer seine Herkunft als Chorleiter nie leugnen. Leichtathletisches Tänzeln verrät seine Leidenschaft.
Das Orchester scheint davon nicht hingerissen zu sein, doch durchaus mitgerissen zu werden. Der klangschöne, "saftige" Musiziergestus bestätigt es. Für Marianne Beate Kielland ist dies freilich eine Bürde. Fehlt es ihrem wundervoll dunklem Mezzo an Durchsetzungskraft? Oder ist es reine Ökonomie? Potsdam ist nämlich nur die erste Station einer "Messiah"-Tournee, die noch nach Essen, Innsbruck, Bregenz, Bourges, Amsterdam, Utrecht, Antwerpen führen wird. Auch von der tenoralen Wärme Jan Kobows würde man gern mehr hören. Dramatische Abstecher abgerechnet, präsentiert sich David Wilson-Johnson als Routinier des Bariton-Fachs, indes Johannette Zomers souveräner Sopran in der Erinnerung haftet. Nach der finalen "Amen"-Fuge - stehende Ovationen.