Presse  /  Presseecho  /  2004  /  Wehmut schwingt mit
  Suche  
|  Kontakt  | Newsletter
 

Wehmut schwingt mit

Tobias Wolff, Leipziger Volkszeitung, 07.12.2004

Eine Zeit der letzten Male: Eben erst ging Herbert Blomstedts letztes Unicef-Konzert über die Bühne, am Wochenende folgte jetzt sein letzter "Messias" in Leipzig.

Und so fragt man sich im gut gefüllten Gewandhaussaal wie vor jedem dieser Abende: Wird es einfach wie immer? Fasst der Maestro nochmals zusammen, was seine Amtszeit ausmachte? Probiert vielleicht noch etwas Neues? Was wird nach ihm kommen?
Aber schon bei der Ouvertüre von Händels meist gespieltem Oratorium bekommt man viele Antworten: Manches klingt wie gewohnt, manches ganz neu. Ab und an schwingt etwas Wehmut mit. Blomstedt setzt zwar nicht gerade auf dynamische Feinarbeit oder musikalische Kontraste. Dafür strahlt seine Gesamt-Interpretation eine angenehme Ruhe, ja sogar Größe aus. Entsprechend glänzt auch das Gewandhausorchester mit wohlig weichem und schlankem Klang, der allerdings nicht immer frei von Intonationstrübungen ist.
 
Gleich beim ersten Einsatz des RIAS Kammerchores ist man begeistert vom wunderbar kultivierten Altklang, von der Lockerheit, Disziplin und geschmackvollen Gestaltung der Tenöre und Bässe. Allein der Sopran ist an diesem Abend ausgesprochen schlecht disponiert. Kaum einer der Einsatztöne passt zusammen, die Intonation in der Höhe hat eine ziemliche Streubreite, und auch in der Mittellage kommt selten so ein homogener Klang wie in den anderen Stimmen zustande. Besonders schmerzhaft macht sich das bei unbegleiteten Stellen wie "Since by man came death" bemerkbar. Ob nun der schwarze Peter bei Detlef Bratschke (Einstudierung) zu suchen ist, bei den zum Teil sehr vagen Einsätzen von Herbert Blomstedt oder bei den solistischen Ambitionen einzelner Chordamen, sei dahingestellt.

Zufällig zeigt sich bei den Solisten ein ganz ähnliches Phänomen. Denn die für die erkrankte Miriam Allen eingesprungene Sopranistin Johanna Stojkovic sorgt mit ihren hochdramatisch bis hysterisch angelegten Spitzentönen leider immer wieder für Adrenalinstöße. Was Ingeborg Danz (Alt) hingegen bei ihrer Arie "He was despised" bietet, ist wunderbar gesungen und anrührend zugleich. Ergänzt wird das Quartett durch die schlanke, ausdrucksvolle Tenorstimme von Christoph Genz und den kraftvoll energiegeladenen, wenn auch manchmal etwas zu mächtig angelegten Bariton von Christian Gerhaher.

Herbert Blomstedts letzter "Messias" in Leipzig erntet begeisterten Applaus und stehende Ovationen. Auch ein bisschen Wehmut schwingt mit - seine letzte "Neunte" zum Jahreswechsel steht ja auch schon vor der Tür ...

 

Presseecho Archiv


 
Rundfunk Orchester und Chöre (gemeinnützige) GmbH Berlin