RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Excellent! Moderner Händel mit René Jacobs und Concerto Köln

Uwe Schneider, www.classic.com, 13.11.2004

Erst in den letzten Jahren setzen sich in Deutschland zusehends auch die Oratorien Georg Friedrich Händels durch. Die Vorherrschaft Johann Sebastian Bachs hatte hierzulande länger als anderswo das breite Spektrum von Händels auf biblischen Stoffen beruhendem dramatischem Werk unterdrückt. Zu verdanken ist die mittlerweile erfreuliche Repertoirevielfalt nicht zuletzt auch der sogenannten Originalklangbewegung, die entscheidende ästhetische und spieltechnische Änderungen bei der Interpretation Händelscher Werke mitbrachte.

Die monotone und meist akademisch-einfallslos heruntermusizierte Nummernabfolge, wie sie die Tondokumente bis in die späten 1980er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein noch heute belegen, ist mittlerweile einer theatralischen, affektreichen Dramaturgie der Stücke gewichen.

Händels ‚Saul’ von 1739, ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Werk, hat gerade letztes Jahr durch eine viel gerühmte szenische Umsetzung (von Christoph Loy) an der Bayerischen Staatsoper München gezeigt, welche Opernnähe einigen sogenannten Oratorien Händels innewohnt. In Berlin haben sich nun, für eine konzertante Aufführung in der Philharmonie, zwei der herausragenden deutschen Ensembles, das Concerto Köln und der RIAS Kammerchor, zusammengetan, um unter Händelspezialist René Jacobs und überlegt ausgewählten Gesangssolisten Händels viertes englischsprachiges Oratorium, eben jenen ‚Saul’, aufzuführen.

Die Aufführung wurde zur Demonstration moderner Händelinterpretation. Eine der auffälligsten formalen Besonderheiten des ‚Saul’ ist der Verzicht auf da capo-Nummern, statt dessen gibt es eine, deutlich in Akte und Szenen eingeteilte, große Anzahl rasch aufeinander folgender kleinerer Nummern, 86 an der Zahl: neben Rezitativen sind dies Arietten, strophische Lieder, Orchestersätze und nur wenige große Chorsätze. Dies ermöglicht eine intensive Dramatik der Handlungsvorgänge in rascher Abfolge und die kontrastierende Schilderungen von inneren Seelenzuständen. All das ist von Händel theatralisch gedacht und konzipiert, weit entfernt von den beschreibenden und kommentierenden Mustern etwa Bachscher Passionen. Schon der Uraufführungsort, das King’s Theatre London und nicht etwa eine Kirche, zeigt deutlich, dass die Grenze zwischen Oratorium und Oper hier weitgehend aufgehoben ist.
 
René Jacobs begegnet solchen formalen Fragestellungen mit einem Klangbild, das große Bögen über die einzelnen Nummern spannt und so Zusammenhänge herstellt. Flüssige Übergänge und kaum Zäsuren verbinden Arien und Rezitative miteinander, gliedern sie in Sinnzusammenhänge und gestalten auf diese Weise große, dramatische Szenen. Der Klang des Concerto Köln, mit seinen hervorragenden Musikern, ist dabei variabel an die Vorgänge angepasst: mal schwingend und federnd leicht, mal energiegeladen oder in fein abgestuften dynamischen Phrasen schillernde Klangkombinationen gestaltend (‚Dead March’). Jacobs formt dabei jeden Akkord, jede Phrase mit Händen und Körpersprache, er ist der zentrale Energiequell dieser Aufführung, mit sicherem Gespür für die Tempi und Steigerungen. Der Schärfe und Kantigkeit mancher heutigen Händelinterpretation setzt er ein flüssiges, sinnliches Klangbild entgegen, das nicht nur die orchestralen Effekte – wie die Soli für Carillon, Harfe oder Orgel – ins rechet Licht setzt, sondern auch den Sängern ein luftig-atmendes Fundament bietet, das sich immer wieder unlösbar mit der Führung der Vokalsstimmen verwebt.
 
Die Solisten, zum größten Teil mit langjähriger Erfahrung der Zusammenarbeit mit René Jacobs, fügen sich mit ihren charakteristischen Timbres diesem Konzept eines dramatischen Flusses problemlos ein; ihnen gelingt das scheinbare Paradoxon, trotz der fast ausschließlich aus Solonummern bestehenden Partitur, zu einer gemeinsamen Ensembleleistung zu finden. Gideon Saks ist eine Persönlichkeit, die den Saul durch Stimme und intensive Interpretation gestaltet. Seine vorbildliche Artikulation und sein wandelfähiger, kraftvoller Bass ist technisch glänzend ausgebildet und auch stilistisch den barocken Phrasierungen und Koloraturen gewachsen. Lawrence Zazzo, der sich in den letzten Jahren mit außergewöhnlichen Leistungen in die aller erste Reihe der Countertenöre gesungen hat, gibt den David mit tragfähiger, von Registerbrüchen freier Stimme. Seine wohldosierte Verzierungskunst präsentiert eine selten gehörte Gewandtheit voller Virtuosität, die nicht zum Selbstzweck wird, sondern sich in das musikdramatische Geschehen einfügt, wie etwa in der Vorbereitung zum Trauermarsch mit seiner Arie ‘Imperious wretch’ im Dritten Akt. Jeremy Ovendens Jonathan ist von zwingender Präsenz, mit bruchloser aber variabler Tongebung und bestechender technischer Sicherheit. Er kennt nicht nur lyrische Qualitäten und dramatischen Nachdruck, sondern auch Beweglichkeit, wie in den beeindruckenden Koloraturpassagen zu Beginn des Zweiten Aktes. Der junge amerikanische Tenor Michael Slattery als Witch of Endor und High Priest bedarf noch der Erwähnung für seine souveräne Gestaltung auf höchstem Niveau, das ihn auf eine Ebene mit seinen erfahrenen Kollegen stellt; da entwickelt sich eine großes Talent, das zu beobachten sich lohnen dürfte.
 
Auch die beiden Frauenstimmen sind kontrastreich aufeinander abgestimmt. Emma Bell glänzt nach anfänglichen, minimalen Schwierigkeiten mit geläufiger Gurgel, gut projizierender Tiefe und perfekten Registersprüngen (‚From this unhappy day’). Sie ist dynamisch sicher, kann die Stimme herb aufblühen lassen und ist zu weit gespannten Bögen von großer Pianokultur fähig (‚Author of peace’). Rosemary Joshuas unschuldsvoll-helles Timbre ist das völlige Gegenteil dazu. Ihrem zarten, aber durchsetzungsfähigen Sopran gehören die intimeren Momente des Abends, sei es in der lupenreinen Intonation im Duett mit Lawrence Zazzo (‚Oh fairest of ten thousand fair’), in den zarten Tönen, den vor allem die Arien des Ersten Aktes fordern oder im betörenden ‚In sweetest harmony’ das entrückt, wie aus einer anderen Welt, im Finale die Chöre unterbricht und der (auf das erste Tito-Finale Mozarts vorausweisenden) Klage Davids und des Volkes Töne von größter Anmut entgegensetzt.

Das letzte Quentchen vokalen Glücks steuert der RIAS Kammerchor mit großer Artikulationsdisziplin bei. Vorbildlich, wie klar intoniert und durchhörbar die Stimmgruppen geführt sind (Schlussfuge des Ersten Aktes), wie souverän die Chorsolisten in kleinen Rollen überzeugen und mit welcher Selbstverständlichkeit der dramatische Gestus der gesamten Aufführung in den nicht gerade vielen Chornummern des ‚Saul’ aufgenommen wird. Großer, langanhaltender Beifall für alle Beteiligten und eine exemplarische Interpretation, die den Wunsch weckt, mehr Händeloratorien mit Jacobs in Berlin zu hören. – Zunächst kann man sein Verlangen darauf aber mit dem Mitschnitt dieser mitreißenden, kurzweiligen Aufführung stillen, den DeutschlandRadio Berlin am 4. Dezember sendet; ein Termin, den man sich vormerken sollte.

 

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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