RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Durchs Jahr mit René Jacobs

Thomas Vitzthum, klassik.com, 30.08.2004

In manchen Regionen gibt es den Brauch, den Winter, wenn man seiner überdrüssig geworden ist, mit viel Krach, Hexen- und Räuberfratzen auszutreiben. Weil die Kälte noch in den Gliedern steckt, bedarf es offensichtlich eruptiv grober Tänze, einer richtigen Stampferei, um sich warm zu halten und der Verachtung für die kalte Jahreszeit noch überzeugenderen Ausdruck zu verleihen.

René Jacobs scheint auch kein Freund des Winters zu sein. Denn die Einleitung zu Haydns ,Jahreszeiten’ klingt bei ihm und dem Freiburger Barockorchester wie die hochrhythmische Begleitmusik zu dem alljährlich wiederkehrenden gespenstischen Treiben. Brachial donnern die Pauken, schroff streichen die Geigen, heftig röcheln die Fagotte und raunzen die Posaunen gegen die leisen Anflüge frühlingshafter Holzbläserei. Dass dieses harte Eis schließlich doch schmilzt, nimmt sich wie ein Wunder aus. Umso schöner klingt der Chor des Landvolkes, der mit ,Komm holder Lenz’ die Frühlingsknotenblumen willkommen heißt.

Diese Neuaufnahme der Jahreszeiten in der Original-Version von 1801 unter René Jacobs ist ein Glücksfall, einer, der uns wie viele andere von den Innsbrucker Festwochen herüberklingt. Als der Altist Jacobs vor über 20 Jahren für Pietro Antonio Cestis ,Orontea’ von der Bühne in den Graben stieg, begann diese Dauerpartnerschaft, von der ein jeder nicht zuletzt die Hörer profitieren. René Jacobs ist mittlerweile ein Markenartikel der Alten Musik, dessen Interpretationen mit denen Harnoncourts, Norringtons und Gardiners auf gleicher Augenhöhe stehen. Doch anders als die Kollegen legt er sein Repertoire streng aus, blickt über die Wiener Klassik nicht hinaus – Berlioz, Bruckner oder gar Elgar, das sind andere Planeten.

Der Star sitzt am Hammerklavier

Auf seinem Planeten ist Jacobs der Mann fürs Burschikose, fürs Lebendige und Quirlige. Mozarts ,Le nozze di Figaro’ hat dies unlängst bewiesen und ,Die Jahreszeiten’ unterstreichen es erneut. Das Freiburger Barockorchester agiert technisch perfekt, setzt auffallende Akzente, spielt auf einer dynamischen Skala, die nichts ausspart und lässt höchstens den satt warmen Streicherklang hie und da vermisslich sein. Doch der Star sitzt wie schon im Figaro am Hammerklavier. Seine Hits sind wieder die vernachlässigten Rezitative. Nicolau de Figueiredo improvisiert sie über dem notierten Generalbass, historisch informiert, aber mit eigenem Temperament. Die schnöden Überleitungen machen so viel Spaß, dass man sich als Hörer schon während der Arie auf das nächste Rezitativ freut und nicht mehr nur umgekehrt. Zur Verblüffung halte man das Rezitativ des Simon ,Nun regt und bewegt sich alles umher’ unter Jacobs gegen das entsprechende unter Neville Marriner (Phillips 1981). Während Figueiredo wirklich alles in Bewegung versetzt, ergeht sich der Kollege in Arpeggien, eines brav nach dem anderen. Ist das pseudoreligiöse Andacht in einem Werk, das sich nicht recht zwischen weltlich oder geistlich entscheiden will? Wie auch immer, Jacobs’ Truppe kennt solche Skrupel nicht.

Frisch

Man hat die ,Jahreszeiten’, die neben der ,Schöpfung’ ein ungerechtes Schattendasein führen, kaum je so farbig und frisch gehört. Die Arien haben Tempo und einen starken Zug nach vorne. Der bewegliche Rias-Kammerchor sorgt für Klangpracht, doch leider versteht man ihn nicht sehr gut. Wenn dann auch noch die Blechbläser in herrlich unverschämter Grobschlächtigkeit zur Jagd auf die armen Chorhasen blasen, dann wirkt sein ,Hört das laute Getön’ auf Hain und Flur fast ein wenig verloren. Dagegen lassen sich die drei Solisten nie ins Bockshorn jagen. Marlies Petersens Hanne klingt wundervoll mädchenhaft und licht. Sacht strahlende Höhen und sanfte Tonansätze lassen noch im tiefsten Winter die Wärme der Frühlingssonne spüren. Bei Dietrich Henschel profitiert der Hörer von den reichen Liederfahrungen des Baritons. Seine Diktion ist deutlich, der Textgehalt wortgenau interpretiert, wenngleich es trotz vergleichbaren Duktus’ lange nicht mehr so bemüht klingt, wie es bei Fischer-Dieskau klingen konnte. Werner Güra schließlich ist ein treffend mozartischer Lukas, ein plebejischer Belmonte.

Dass die Aufnahme sich in hochauflösendem SACD-Sound präsentiert, setzt der glänzenden Einspielung die Krone auf. Für die auf Durchsichtigkeit angelegte Musik auf Originalinstrumenten ist diese Technik ein Segen. Allerdings sollten die Plattenfirmen im Booklet nicht versäumen, die Grundbegriffe der Technik zu erklären, denn so firm sind wir mit den Formaten DSD, SACD, etc. noch lange nicht. Schaden kann es in jedem Falle nichts.

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