Der Rias-Kammerchor umgab Motetten von Bach und Brahms mit Cello-Musik
Hörstürze können zu Gleichgewichtsstörungen führen. Das Prélude zur Es-Dur-Suite für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach ist so ein kalkulierter Hörsturz. Wem es gelänge, ohne Kenntnis der Noten nach einmaligem Hören den Rhythmus des Stücks richtig aufzuschreiben, verdiente ein ebensolches Genie genannt zu werden wie Bach selbst.
Der Cellist Peter Bruns hat am Sonnabend im Kammermusiksaal der Philharmonie den Hörern bei diesem Werk gezielt den Schwerpunkt entzogen. Skizzenhaft blieb sein Spiel, verrätselt der Rhythmus, nur angedeutet der jeweilige Tanzcharakter. Man konnte an die Federzeichnungen Rembrandts denken. "Jugendliches Selbstbildnis" hätte die Allemande überschrieben sein können. Besonders flüchtig und schwer erkennbar: "Gott erscheint Abraham" (das Wispern der Kadenzpassagen im Prélude), mit rundbäuchigem Behagen: "Saskia im Bett, mit Amme" (die Doppelgriffe in der zweiten Bourrée). Aufgekratzte Monologe dies alles, Grübeleien über die Gesetze der Kunst.
Der Rias-Kammerchor unter seinem Leiter Daniel Reuss kombinierte in seinem Konzert Motetten von Bach und Johannes Brahms mit dieser Cello-Suite und der E-Moll-Sonate für Klavier und Violoncello von Brahms. Sicher, das Finale der Brahms-Sonate erinnert überdeutlich an den 13. Contrapunctus aus Bachs "Kunst der Fuge"; der zweite Satz, ein verzierungsfreudiges Menuett, könnte seine Vorbilder in den Cembalo-Suiten des 18. Jahrhunderts haben (ein Kompliment muss man hier der Pianistin Roglit Ishay machen, weil sie den massigen Klaviersatz von Brahms so aufgelichtet hat, dass er klang, als wäre er von Rameau). Aber Brahms' Motetten op. 110 stehen Heinrich Schütz zumindest ebenso nahe wie Bach, seine Motette op. 29 Nr. 2 mit ihrem prachtvollen Vergrößerungskanon zwischen Sopran und Bass weist sogar noch weiter, ins 16. und 15. Jahrhundert zurück.
Weniger die Nähe zwischen Bach und Brahms hat dieses Konzert erhellt, als vielmehr die Nähe von instrumentalem und vokalem Denken bei beiden Komponisten. Von Brahms' Motetten fällt ein Licht auf seine Sonatensätze: Sie folgen den Dramaturgien des Trostes, nicht jenen des Triumphes. Umgekehrt ist Bachs Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied" (die neben "Komm, Jesu komm" auf dem Programm stand) satztechnisch wie ein italienisches Concerto komponiert, eine Trennung der musikalischen Mittel zwischen "weltlich" und "geistlich" erscheint bei Bach also unsinnig. Der Rias-Kammerchor vermochte das, bei Bach und bei Brahms, mit einer kaum noch steigerbaren instrumentalen Virtuosität zu singen. Das Wort aber, das am Ende der letzten Brahms-Motette op. 110 so vehement Gehorsam fordert, vernahm man in diesem rauschend-seidigen Schönklang nicht.