Die Philharmoniker gaben Händels Oratorium "Belshazzar"
In Georg Friedrich Händels Oratorium "Belshazzar" geht es um einen Krieg im Gebiet des heutigen Irak, um die Einnahme einer Hauptstadt, den Konflikt zwischen "wahrer" und "falscher" Religion, die Interessen des jüdischen Volks. Und es geht, auch hier lassen sich die Parallelen zur Gegenwart ziehen, um die Frage nach dem Sinn der Geschichte: Die großen Reiche, so erklärt zu Beginn die weise Mutter des törichten Herrschers Belshazzar, Nitocris, die großen Reiche blühen auf und verwelken in erhabener Sinnlosigkeit; im Augenblick ihrer größten Macht beginnt ihr innerer Verfall. Diesem Bild eines sinnlos in sich kreiselnden Weltlaufs stellt der Prophet Daniel den Glauben an das wirkende und lenkende Eingreifen des jüdischen Gotts in der Geschichte gegenüber.
Es gehört zur Größe des Epikers Händel, dass er diese konträren Geschichtsentwürfe mit derselben Ruhe und Gelassenheit gegenüberstellte wie die Verblendung Belshazzars der Weisheit des Cyrus. Die Aufführung durch die Berliner Philharmoniker unter Nicholas Kraemer und den Rias Kammerchor in der Einstudierung durch Daniel Reuss hat das am Donnerstag fabelhaft verdeutlicht. Wie bei Händels Oratorien üblich, beginnt auch dieses mit einer in gezackten Rhythmen einherstolzierenden Französischen Ouvertüre. Aber Kraemer ließ nicht einfach die stilisierte Bewegung abschnurren: Er entdeckte darin den Keim des Verfalls, im Niedersinken der melodischen Linie, im Stocken und Zerfasern der harmonischen Verläufe. Nichts ist von Bestand, darin nahm die Musik die Einsicht der Nitocris voraus. Der terrassenhaften Abfolge von lauten und leisen Passagen, die in schlecht interpretierter Barockmusik vorherrscht, setzte Kraemer eine fast klassisch feinnervige Modulation der Lautstärke entgegen. So geriet etwa das Streitduett zwischen Mutter und Sohn, wo sich die gegenseitigen Ermahnungen verhakten ("Remember! Remember!"), zum plastischen Konflikt.
Ganz in die Zukunft weisend erschien Händels Kunst, wenn den leerläufigen Koloraturen Belshazzars (gesungen vom auch darstellerisch virtuosen Tenor John Mark Ainsley) die erhabene Einfachkeit der Bekenntnise zum wahren und einzigen Gott entgegengesetzt wurden. Susan Gritton hat das ganz unverzierte, hymnenartige Gebet der Nitocris ("Thou, God most high") mit der leuchtenden Reinheit eines englischen Chorknaben gesungen. Simplizität und Erhabenheit, zwei Grundkategorien der aufklärerischen Musikästhetik, verschränkten sich etwa in dem grandiosen "Recall, o King!", in dem der Rias Kammerchor a cappella begann, um bei der Nennung des "great Jehovah, king of kings" plötzlich durch den wuchtigen Einsatz der tiefen Streicher erschüttert zu werden: Das Heilige als zitternmachendes und faszinierendes Mysterium wurde hier Klanggestalt.
Der Countertenor Robin Blaze als etwas vorlauter Prophet Daniel, die Mezzosopranistin Susan Bickley als Cyrus (nach der Pause tauschte sie mit Gritton die Rollen und sang das herzbewegende "Regard, o son, my flowing tears"), der etwas salbungsvolle Bass James Rutherford, und zwei vorzügliche Solosänger des Rias Kammerchors: Maximilian Schmitt und Christoph Hartkopf - sie alle trugen dazu bei, diesem oft unterschätzten Werk zu dramatischer Präsenz zu verhelfen.