RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Ödes Erlebnis, wahres Abenteuer:
Der Geiger Fabio Biondi und drei Chöre beim Zeitfenster-Festival

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 03.04.2004

Am Donnerstag begann ein Konzert des Festivals "Zeitfenster" im Großen Saal des Konzerthauses mit dem Einzug des RIAS-Kammerchors, des Ensembles "Angelite - The Bulgarian Voices" und der sardischen Sängergruppe "Cuncordu e Tenore de Orosei".

Sie schritten - der Saal war in Dunkel gehüllt, ein schmaler Lichtstreifen fiel auf den Mittelgang - feierlich von hinten zum Podium vor; der Kammerchor sang die Introitus-Antiphon "Omnia quae fecisti nobis, Domine".

Die Introitus-Antiphon ist eine Gattung des Gregorianischen Chorals, der einstimmigen Gesänge der katholischen Liturgie. Sie wird gesungen zum Einzug des Priesters und der übrigen Zelebranten am Beginn der Messe. Ein Introitus hat nicht nur eine genaue liturgische Funktion, sondern auch seinen genauen Platz im Kirchenjahr: "Omnia quae fecisti" erklingt am 26. Sonntag nach Pfingsten. Das wäre im Jahr 2004 der 28. November. Der fällt aber mit dem 1. Adventsonntag zusammen, und das bedeutet - so kompliziert geht es in der Liturgie zu! -, dass "Omnia quae fecisti" in diesem Jahr gar nicht gesungen wird, sondern statt dessen eben der 1. Advent-Introitus "Ad te levavi animam meam".

Es ist fraglich, ob dies der Grund war, warum der RIAS-Kammerchor diesen Gesang für seinen Einzug gewählt hat. Erfahren hat man es jedenfalls nicht. Der "Klangfenster"-Abend unter dem Motto "Klang der Ferne" wollte auch keine Rekonstruktion einer katholischen Messliturgie sein, sondern das "Erlebnis" eines musikalischen Tagesablaufs symbolisieren. Er versuchte gar nicht erst, die zeitlich oder räumlich fernen Klänge begreiflich zu machen, an den Horizont des Heute zu vermitteln. Er zog es vor, ein Erlebniskonzert zu bieten. Er verwendete gregorianische Choräle, traditionelle sardische Gesänge, bulgarische Folklore und Werke bulgarischer Komponisten und noch dies und das aus der Renaissance und der gemäßigten Moderne, um seine von der Lichtregie regierten Scheinwerferstimmungen musikalisch auszuschmücken.

"Angelite - The Bulgarian Voices", ein Frauenensemble in bunten Trachten, sang etwa "Dilmano, Dilbero", ein Lied, das vom Pfefferanbau handelt ("Steck ihn rein"), aber traditionell in der Hochzeitsnacht vor dem Fenster des Brautpaars gesungen wird, und zwar ausschließlich von Männern. Der Bezug zum Fruchtbarkeitsdenken einer agrikulturellen Gesellschaft ist deutlich. Im Konzert blieb davon nichts übrig außer dem exotischen Reiz einer grell am hinteren Gaumen artikulierten Stimmgebung und parallel geführter Sekunden: "Bulgarien" für den Musiktouristen. Diese Art, aus Musik verschiedener und inkompatibler Traditionen eine Melange zusammenzurühren, die sie ihres kulturellen Sinnes beraubt, wird in den Musiksupermärkten unter dem Label "World Music" geführt.

Dass es auch anders, ohne Eventcharakter, möglich ist, bewies in einem Konzert am frühen Nachmittag der Geiger Fabio Biondi, begleitet von Sergio Ciomei am Cembalo. Biondi hat mittel- und spätbarocke Violinmusik mit jener Schärfe und Genauigkeit gespielt, die dem Repertoire seine Abenteuerlichkeit zurückgibt. Wie er in der "Giga del Postiglione", der Postillons-Gigue aus Francesco Maria Veracinis Sonata prima g-Moll op. 1, 1 die Oktavsprünge des Posthorns in den wirbelnden Dreiertakt des Tanzes einband, wie er den weiten Atem für Carlo Ambrogio Lonatis Ciaccona in G-Dur fand, die über einem simplen Quartabstieg im Bass eine ganze Tanzsuite komponierte, das erfüllte jenen Ausspruch Jos van Immerseels, der in dieser Zeitung bereits zitiert wurde, Alte Musik müsse wie Avantgarde klingen.

Diese vormoderne Musik zeigte sich unberührt vom Ideal des guten Tons, wie er seit dem frühen 19. Jahrhundert in den Konservatorien und Hochschulen hergestellt wird. Wohl konnte Biondis Geige singen, sie konnte aber auch im Sprung über die Saiten und im Schlag des Bogens auf den Resonanzkörper perkussiv klingen, sie entfaltete in Veracinis Doppelgriffen geradezu orchestrales Timbre und entfaltete sich mitten in einem Menuett (!) zu der aufsprudelnden Protuberanz einer kleinen Kadenz. Hier wurde alte Musik Gestalt und Körper, und dazu bedurfte es weder Lichtregie noch bunter Trachten.

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