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Verschlingung des Herzens

Peter Uehling, Berliner Zeitung, 01.03.2004

Der Rias Kammerchor und die Akademie für Alte Musik gaben Zelenka und Bach

Immer wieder einmal, hier und da, aber doch ziemlich selten, hört man ein Werk von Jan Dismas Zelenka. Wunderdinge werden von dieser Musik erzählt, von ihrer ganz eigenen stilistischen und expressiven Färbung, mit der sie sich neben den alles erdrückenden Werken von Zelenkas Zeitgenossen Johann Sebastian Bach durchaus soll behaupten können. Was man dann im Konzertbetrieb und auf CDs kennenlernt, lässt sich jedoch schwer auf einen Nenner bringen: Interessant, aber dieser Kategorie des Interessanten auch bis zur Bizarrerie verhaftet. Als ginge es da jemandem gar nicht um ein Opus, sondern um das Durchspielen von Möglichkeiten, die einem die Töne in die Hand geben. Barockmusik, die ihrem stilistischen Bannkreis entfliehen will, für diese Flucht aber nicht weiträumig genug konzipiert ist und bei aller Seltsamkeit im barocken Stückwerk verbleibt.

Der Chorleiter Hans-Christoph Rademann war, bevor er den Chor des Norddeutschen Rundfunks übernahm, lange Zeit in Dresden tätig und hat sich seit je für die Musik seiner sächsischen Heimat engagiert - so auch für den aus Böhmen stammenden und bis zu seinem Tod in Dresden wirkenden Zelenka. Mit dem Rias-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik führte Rademann am Freitag im Konzerthaus Zelenkas "Missa Dei Patris" auf, die erste von drei letzten Messen, die ursprünglich als sechsteilige Sammlung geplant waren. Der Ernst des Projekts scheint Zelenkas Experimentierlust, die Instrumentalstücke wie "Hipocondrie" zu ruinenhafter Fragmentierung treibt, gebremst zu haben. Die Spielfreude zeigt sich in manch seltsamem Fugenthema, mancher alle bekannten Harmoniemodelle durchbrechenden Chromatik, aber davon abgesehen wirkt vieles kaum mehr als ordentlich gesetzt.

Im Vergleich mit zwei Bachkantaten zeigte sich auch der Wesensunterschied beider Komponisten. Zunächst erscheint der Bachsche Tonsatz regulierter, klassischer, doch wer weiß, ob das nicht nur unsere Gewöhnung an diese Satzweise ist. Denn das Bild sich verschlingender Stimmen am Beginn von "Warum betrübst du dich, mein Herz?" (BWV 138) steht natürlich einerseits für die innerlichen Verstrickungen - andererseits aber droht solche Verschlingung auch stets im Chaos zu versinken, hielte nicht die Harmonik die Polyphonie im Maß. Diese Aufgabe wächst der Harmonik bei Zelenka nicht zu, seine Musik ist meist homophon organisiert und bewahrt kontrapunktische Strukturen für die Fugen auf, während sie bei Bach auf das Ganze übergreift. Und in formalen Experimenten wie der genannten Kantate, in deren Eingangschor etwa plötzlich ein Rezitativ hineinspricht, überhaupt die Dominanz des Rezitativischen nur Raum für eine Arie lässt, geht Bach über Zelenkas punktuelle Innovationen doch weit hinaus.

Die Aufführungen gelangen nahezu makellos. Vor allem in den Bach-Kantaten schafft Rademann einen intimen Klang, aus dessen piano sich lange Bögen entwickeln und der dennoch jenem Welternst angemessen ist, wie er aus dem Passionston etwa des Eingangschores von "Bleib bei uns, denn es will Abend werden" (BWV 6) spricht. Zuweilen scheint das Makellose aber auch das etwas zu wenig Wagemutige zu sein. Man hätte sich in der Chorbehandlung der Zelenka-Messe schärfer eingestellte Affekt-Farben vorstellen können, unter den langen Bögen eine größere rhythmische Vielfalt. Meist blieb es beim schönen und natürlich aller Ehren werten bekannten Rias-Kammerchor-Klang. Unter den Solisten sind neben dem innig leuchtenden Sopran Annette Daschs und dem etwas rau tönenden Bass Stephan Loges vor allem die kurzfristig eingesprungene Altistin Barbara Hölzl sowie der Tenor Topi Lehtipuu für ihre Gestaltung der Arien aus BWV 6 zu nennen: Kaum je erlebt man die seelische Dynamik dieser betrachtenden Stücke so schlüssig und intensiv, wie es hier durch eine sensible Phrasierung gelang.

 

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