
Was dennoch fesselte, war musikalischer Klangzauber dank perfekter Wiedergabe: Der Rias Kammerchor unter dem lettischen Dirigenten Kaspars Putnins und die »Capella de la Torre« bewährten sich mit hervorragendem Können an Vokalintensität (auch bei den Soli) und instrumentalem Glanz. Ein exzellentes Hörerlebnis auf jeden Fall.
»Zeitfenster« – in Berlin ist die V. Biennale für Alte Musik zu Ende gegangen
Nun hat sich das »Zeitfenster« für Alte Musik im Berliner Konzerthaus wieder geschlossen. Eine Fülle von Historischem, oft kombiniert (oder konfrontiert) mit Heutigem, war zu erleben, Traditionslinien auszumachen. Das Abschlusskonzert im Großen Saal schien noch einmal dem Gedanken »Fallstudien« zugeordnet. »Gottesmacht« – so das Leitwort – wollte wohl einen Weg aus verhehrender Machtarroganz und politischer Ungerechtigkeit zeigen. Die gute, beruhigende und menschenfreundliche Kraft des außerirdischen Herrschers, sozusagen als Gegenfall und Rettung. Eine kaum überzeugende konzeptionelle Position für das Verständnis von Altem wie Neuem bei aller Erkenntnis über gewisse Parallelität frühzeitiger und heutiger Bedrohung.
Sehr religiös ging es zu an diesem Abend mit geistlicher Musik auf lateinische, meist liturgische Texte. Fürs Publikum kaum verständlich, obwohl neben dem Original in deutscher Fassung nachzulesen. Der Begleittext gab wenig Information über gesellschaftlich historische Zusammenhänge. Und geheimnisvolles Halbdunkel im Saal unterstrich eine Atmosphäre meditativer, zum Teil ermüdender Verinnerlichung.
Was dennoch fesselte, war musikalischer Klangzauber dank perfekter Wiedergabe: Der Rias Kammerchor unter dem lettischen Dirigenten Kaspars Putnins und die »Capella de la Torre« bewährten sich mit hervorragendem Können an Vokalintensität (auch bei den Soli) und instrumentalem Glanz. Ein exzellentes Hörerlebnis auf jeden Fall.
Das Programm vereinte zehn Stücke aus dem 16. und 17. Jahrhundert und zwei aus heutiger Zeit: Orlando di Lasso, Heinrich Schütz, Giacomo Carissimi, Giovanni Gabrieli und Arvo Pärt, Giacinto Scelsi nebst James MacMillan. Dazu rein Instrumentales als oft erfrischender Kontrast. Zu Beginn eine Pavane des Moritz Landgraf von Hessen als Torre(Turm)- Musik von der Empore, im weiteren Michael Praetorius. Der Sound alter Blasinstrumente wie Zink, Pommer, Dulzian, Laute, Orgel und Posaune bereitete frohe Stimmung. Ungewohnt und apart auch in zahlreichen kunstvollen Begleitparst zum Vokalen.
Im Mittelpunkt stand das Magnificat, Lobgesang der Maria, in verschiedenen Versionen. Ergreifend »Meine Seele erhebt den Herren« mit Solosopran von Schütz und seine Bitte »Verleih uns Frieden gnädiglich« (beide 1647, 1648) in deutscher Sprache, spürbar nahe zum Ende des 30-jährigen Krieges. Das älteste Stück, Orlando di Lassos »Dixit Dominus« von 1570 zeichnet im Wechsel von Soli und Chören einen fürchterlichen Weltuntergang.
Härter noch gestaltet Giacomo Carissimi in seinem »Judicum extremum« (Jüngstes Gericht) solche Katastrophe »mit schrecklichem Getöse klingender Trompeten«: vier Instrumental- und Vokalchöre wie Solisten schildern das oratorisch gefasste Geschehen, allerdings meist verhalten, ehe sich helle Vokalkraft entwickelt.
Vorwegnahme von Visionen heutiger Gefahren? Das erklingende Neue schien sich dieser Traditionen zu verbinden. Arvo Pärt (geb. 1935) gab seinem Magnificat von 1989 einen introvertierten A-cappella-Sound in Dreiklangtönen, Flucht in Schönheit? Giacinto Scelsi (1905-1988) dagegen formuliert seine »Tre canti sacri«, ebenfalls a-cappella, problemgeladen. So bringt das »Gloria« keine Verherrlichung Gottes (Text), sondern dissonantes Nachdenken. Statt Jubel eher Schrei oder Seufzer. James MacMillan (geb. 1959) komponierte seine Motette »Tremunt videntes angeli«, die sich zu Jesus als »Sieger« bekennt, ebenfalls in schwierigem A-cappella. Der Rias Kammerchor leistete hier Überragendes, besonders die Frauenstimmen (Sopran) erklangen hinreißend homogen. Überhaupt gab die wunderbare Chorkultur dem Ganzen nachhaltige Wirkung.
Das äußerst feinsinnige Dirigat von Kaspars Putnins brachte die facettenreiche Chor-Ausstrahlung eindrucksvoll zur Geltung. Zum Abschluss, instrumental ergänzt, Giovanni Gabrielis Magnificat à 17 von 1615: Der San Marco Dom in Venedig mit den verschiedenen Emporen regte den Organisten und Komponisten zu einem unterschiedlich postierten vielchörigen Instrumental- und Vokalstil an. Sein Magnificat verströmte Optimismus zu einer möglichen gerechten Welt. Das gute Ende nach manch introvertiertem Überhang.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
