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Der Sopran blinkt wie ein Positionslicht

unbekannt, Berliner Zeitung, 20.04.2010

Ein rundum prächtiges Konzert.

Gelungener Abschluss des Zeitfenster-Festivals

Nach manch thematisch verunglücktem Konzert ist das Zeitfenster-Festival des Konzerthauses, die Biennale für Alte Musik, am Sonntag mit einem rundum prächtigen Konzert des Rias-Kammerchors zu Ende gegangen. Mit Dreiklangsmusik des italienischen 17. Jahrhunderts und des späten 20. Jahrhunderts näherte man sich dem Thema "Gottesmacht". Der frühe Barock entdeckte den schon lange als Trinitätssymbol geheiligten Dreiklang als klangliches Aggregat und stellte ihn mit Lust am Effekt aus. Was der Römer Giacomo Carissimi und der Venezianer Givanni Gabrieli nicht alles mit dem Auf und Ab dreier Töne und dem mehrchörigen Hin und Her von Dreiklangsflächen ausdrücken konnten! In Carissimis "Iudicium extremum" schmettern die Trompeten des Jüngsten Gerichts, in Gabrielis "Magnificat" durchdringen fast dieselben Klänge den Raum mit dem Jauchzen der schwangeren Maria. Die Capella de la Torre begleitete auf Zinken, Pommern und Posaunen und spielte zwischendurch Choralbearbeitungen und Tänze.

In der Postmoderne dringt vom harmonischen Urknall vier Jahrhunderte zuvor nur mehr eine ferne Hintergrundstrahlung zu uns herüber. Dissonante Töne lagern sich wie Patina und Staub um die alten Klänge und erzeugen in Arvo Pärts Magnificat und James McMillans "Tremunt videntes angeli" einen Ton, der die Verdrängung Gottes an den Rand der Kultur reflektiert, ohne an persönlicher Inbrunst zu verlieren. Giacinto Scelsis "Tre canti sacri" wirken dagegen leer. Zwar beeindruckt die Fantasie, mit der aus ein vierteltönig flirrenden Einzeltönen immer wieder andere Verläufe herausgesponnen werden, aber die harmonische Dimension selbst bleibt offen. Damit begibt sich Scelsi des spezifisch chorischen Effektpotenzials, mit dem die Komponisten sonst kundig umgehen: Nirgends erreicht diese Musik die Magie eines einfachen anschwellenden Akkords in McMillans Motette.

Diese Magie verdankt sich der virtuosen Aufführung. Bei weitgehendem Verzicht auf große Musik bleibt der Abend spannend dank der zahllosen Farben, die der enorm präsente Rias-Kammerchor samt Solisten aus den eigenen Reihen unter der Leitung Kaspars Putnins' entdecken: Die Soprane strahlen in Gabrielis Magnificat in den höchsten Tönen, die Männerstimmen mattieren das Magnificat von Pärt, über dem der Solo-Sopran von Annette Lösch blinkt wie ein fernes Positionslicht. Die melodische Glut im erdig-teutschen "Verleih uns Frieden" von Heinrich Schütz kontrastiert mit dem hochtourigen Geschmetter in Carissimis "Iudicium", in dem Johannes Schendel einen finster weltenrichtenden Jesus, Stephanie Petitlaurent und Christina Kaiser zwei entrückte Engel singen.

 

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