
Über das Education-Projekt des Rias-Kammerchors
Die Beethoven-Oberschule in Lankwitz ist kein Musik-Gymnasium, in dem Jungstudenten neben dem bereits lebensbeherrschenden Drill am Instrument auch noch etwas Allgemeinbildung vermittelt werden soll. Wohl aber setzt das Gymnasium einen musikalischen Schwerpunkt sowohl im Unterricht als auch im Angebot an Arbeitsgemeinschaften. Neben dem Schulorchester und einer großen Big Band gibt es mehrere Chöre: Einen Chor der siebten Klassen, den sogenannten "großen", etwa 300-köpfigen Chor der Klassen acht bis elf, und den etwa 80-köpfigen Oberstufenchor.
Am Beethoven-Gymnasium wachsen Menschen heran, die das Musikleben so dringend braucht: ein mündiges Publikum, das nicht professionell Musik betreibt, sie aber dennoch in sein Leben integriert hat und aus der eigenen Erfahrung heraus versteht. Der Rias-Kammerchor hat vor einem Jahr eine Patenschaft für den Oberstufenchor übernommen und damit nach einer langen Zeit der Zurückhaltung im Education-Bereich ein Wirkungsfeld gefunden, das zu ihm passt. Denn dem Rias-Kammerchor liegt seit je mehr am Ernst seiner Arbeit als an deren plakativer Inszenierung; die üblichen Education-Projekte mit staunenden, bastelnden und herumtanzenden Grundschülern hätte man ihm nicht abgenommen. Zumal die Wirkung solcher Arbeit auch umstritten ist: Nützen sie nicht am Ende doch mehr der Public Relation der Ensembles unter der Rubrik "gesellschaftliches Engagement" als den Kindern? Selten genug jedenfalls übersteht das in der dritten Klasse geweckte Interesse an klassischer Musik die Pubertät.
Der Oberstufenchor probt jeden Dienstagabend von halb acht bis halb zehn. Im Musikraum lässt die Chor- und Fachbereichsleiterin Gisela Schröder-Fink eine Tüte mit Bleistiften herumgehen, denn zu einer ernsthaften Probe gehören Eintragungen in die Noten, hier nicht anders als im Profi-Chor. Nach dem Einsingen wird kurz der Chorsatz der letzten Probe in Erinnerung gerufen, Robert Schumanns "Gute Nacht" aus den "Vier Gesängen für gemischten Chor" op. 59. Dann teilen sich die Stimmgruppen auf vier Sänger des Rias-Kammerchors auf, die eine Dreiviertelstunde mit ihnen detailliert proben. Hildegard Wiedemann hat die Altgruppe vor sich und dringt auf Textverständlichkeit: Auf das Rollen des "r", explosivere "d"s und "t"s - was den Schülerinnen bereits übertrieben vorkommt, reicht noch längst nicht aus. Aber es geht beim Text nicht nur um den Text. "Der Alt hat oft langweilige Tonwiederholungen, während der Sopran die schönsten Melodien darüber hat. Aber ihr müsst ihn trotzdem bei der Phrasierung unterstützen" - und diese unterstützende Formung von Steigerungen und Höhepunkten hängt eng mit der Betonung des Textes zusammen.
Gleichzeitig arbeitet ein Stockwerk tiefer Jonathan de la Paz Zaens mit den Bässen. "Was fehlt, ist die Empfindung. Lest den Text noch einmal und sagt mir, was das für eine Stimmung ist." Dabei geht es nicht um Identifikation, sondern zunächst um einen stimmlichen Griff für die Intimität des Stücks: Wie man den großen Sprung aufwärts in die Mittellage so hinbekommt, dass es nicht plötzlich lauter wird, wie man die Vokale färbt, damit sie die Stimmung nicht stören: "Das ,i' wird ein bisschen in Richtung ,ü' abgeblendet".
Danach finden sich die Schüler im Musiksaal wieder zusammen und singen den Satz noch einmal. Der Unterschied zum ersten Mal ist enorm, der Klang verschmilzt, der Text wird verständlich, die Stimmung stellt sich ein und vermag den nüchternen Musiksaal für knappe zwei Minuten zu verwandeln. Diese Fortschritte haben den Rias-Kammerchor und auch seinen Leiter Hans-Christoph Rademann so beeindruckt, dass sie am 4. März den Oberstufenchor jetzt nicht nur im Vorprogramm ihres Konzerts zu Schumanns 200. Geburtstag auftreten lassen, sondern im "richtigen" Konzert. Die letzten Proben in der Schule hat Rademann selbst abgehalten.
Die Schüler sind begeistert, wenn sie sehen, wie die Profis mit ähnlichen Problemen mit der Stimme oder den Noten umgehen, wie schnell sich Ergebnisse erzielen lassen. Die Aussicht auf das professionelle Coaching und das gemeinsame Konzert wurde als enorm motivierend empfunden. Einige Schüler haben die Sänger schon gefragt, ob sie Einzelunterricht bekommen könnten. Jonathan de la Paz Zaens ermutigte die jungen Sänger, dass sie kaum Grenzen zu fürchten brauchen, wenn sie Ziele hätten, für die sie arbeiten wollen. Und das nimmt schließlich auch Frau Schröder-Fink, die Lehrerin, aus dem Projekt für sich mit: Eine Anregung zum unnachgiebigen Verfolgen der musikalischen Vorstellungen.
Kammermusiksaal 4. März, 20 Uhr: Rias-Kammerchor und der Oberstufenchor der Beethoven-Oberschule singen Werke von Schumann, Hensel, Hosokawa, Gottwald u.a.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
