
…vor allem in den visionären Ausbrüchen des wieder einmal außerordentlich transparenten Rias-Kammerchors.
Die Musiker lächeln verschmitzt, die Hörer schauen heiter drein: Ton Koopman ist, mit der rudernden Verve seiner Gestik, der immer erneuerten Mitteilung darüber, wie man auch mit 65 noch kindliche Freude an der Musik haben kann, so etwas wie ein Gute-Laune-Dirigent. Was Ernsthaftigkeit bestimmt nicht ausschließt. Doch man erfährt bei diesem (entschieden zu späten) Debütabend mit den Berliner Philharmonikern gleich in der einleitenden D-Dur-Suite BWV 1068, dass es beim alten Bach neben kontrapunktischem Tiefsinn und zeremoniellem höfischen Glanz noch etwas Anderes und unter den Händen des Holländers jedenfalls Dominierendes gibt: Enorme Vitalität, Aufbruchsgeist und Hochstimmung einer Zeit, in der der Mensch an seine eigene Gestaltungsmacht zu glauben begann.
Auf reichlich 30 Musiker sind die Philharmoniker an diesem Abend reduziert, aber Esprit und Vorwärtsdrang, wie sie Koopman vermittelt, reichen für ganze Völkerscharen. Wenn Pauken und Trompeten auftrumpfend und fast improvisatorisch aus sich herausgehen dürfen, das berühmte Air über straffen Bässen ein höchst unsentimentales, sich mit lebhaftem Ernst austauschendes Mittelstimmen-Leben entfaltet, wenn die Tanzsätze keine Angst kennen, auch einmal einfach fröhlichen Lärm zu veranstalten – immer sind Kraft und Energie Ausdrucksformen erwachender, zunehmend erfüllter Menschlichkeit.
Das verbindet Bachs Ouvertüre auch mit der ein Menschenalter späteren Haydn-Sinfonie 98, der vielleicht subtilsten von dessen Londoner Produktionen. Der Niederländer begreift beide als Werke einer selbstbewusst die Welt ergreifenden Aufklärung, die auch Ernst und sogar Tragik zu gewichten weiß, weil sie den Menschen als Ganzes, zur Selbstgestaltung Fähigen entdeckt hat. Koopman, der als Organist und Cembalist gelernt hat, Partituren von den Bewegungen der Basslinien her zu lesen, gestaltet die Musik des älteren wie des jüngeren Klassikers als elementare rhythmische Ereignisse, die gar nicht in jedem Detail absolut konturenscharf sein müssen, so lange der energische Bewegungszug ungebrochen bleibt und immer neues Land erreicht.
Nach der Pause tritt dann mit der Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“ (BWV 230) und dem großen D-Dur-Magnificat BWV 243 das Vokale hinzu: Eine vielleicht etwas riskante Programmdramaturgie, weil die Klänge hier meist intimer, zurückgenommener kommen müssen. Tatsächlich wird die mitreißende Hochstimmung des ersten Teils nun nur noch partiell erlebbar, vor allem in den visionären Ausbrüchen des wieder einmal außerordentlich transparenten Rias-Kammerchors. Jetzt ist es eher das Spiel der Klangfarben, das ins Ohr geht: die ungemein leuchtkräftigen Linien der philharmonischen Bläser, die innigen Dank- und Lobgesänge der Vokalsolisten. Vier davon wie Koopman philharmonische Debütanten, darunter selbst ein solch altes und unvermindert souveränes Bach-Schlachtross wie Klaus Mertens. Klara Ek, Rachel Frenkel und Ingeborg Danz boten ein harmonisches Damen-Trio, doch besonders eindringlich präsentierte sich der Einzige, der schon früher mit diesem Podium Bekanntschaft geschlossen hatte: Tenor Werner Güra in einer beeindruckenden Verbindung von züngelnder Beweglichkeit und Ausdrucksschärfe.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
