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Mit „Szenen aus Goethes Faust“ ins neue Jahr

Ursula Wiegand, Der Neue Merker, 01.01.2010

Zum Beginn von 2010 hat der RIAS Kammerchor die Nase vorn und erweist sogleich dem Geburtstagskind Robert Schumann, dessen 200. Wiegenfest in diesem Jahr begangen wird, die gebührende Ehre.

Zum Beginn von 2010 hat der RIAS Kammerchor die Nase vorn und erweist sogleich dem Geburtstagskind Robert Schumann, dessen 200. Wiegenfest in diesem Jahr begangen wird, die gebührende Ehre. Unter der Leitung seines Dirigenten Hans-Christoph Rademann präsentiert der vielfach prämiierte Chor eine Beinahe-Ausgrabung: die „Szenen aus Goethes Faust“.

Zwar hat schon Benjamin Britten vor Jahrzehnten dieses Werk wiederentdeckt, mehrmals aufgeführt und 1972 mit Dietrich-Fischer-Dieskau in der Titelpartie für die Schallplatte eingespielt. Trotz alledem verliefen Brittens Bemühungen letztlich im Sande. Die meisten namhaften Dirigenten ließen Schumanns Faust-Szenen weiterhin links liegen.

Warum das so ist, wird bei diesem durchaus gelungenen Neujahrskonzert deutlich. Das Stück zeigt, dass Schumann sein Handwerk auch in späteren Jahren verstand. Schwere gesundheitliche Probleme haben ihn jedoch lange Zeit stark behindert und größere Schaffenspausen verursacht.

Denn die Idee, ein Faust-Stück zu komponieren, beherrschte den Goethe-Schwärmer Schumann beinahe sein ganzes Leben. Aber erst 1844, noch leidend und mutlos, beginnt er sich dieser selbst gestellten Aufgabe zu widmen, beschließt auch, statt einer Oper eine Art Oratorium zu schreiben. Doch sein Mühen gilt zunächst nur dem zweiten Teil von Goethes Drama. Dessen poetische Schlussszene und ihr Thema - Fausts Erlösung durch Läuterung und das Ewig-Weibliche – ziehen ihn in ihren Bann. Dafür remobilisiert Schumann seine Fähigkeiten und bebildert Goethes Verse musikalisch. Erst 1848 wird das stellenweis’ choralartig wirkende Stück fertig und zu Schumanns Erstaunen sogar ein Erfolg.

Gemessen an seiner jahrelangen Mühe erscheint dem selbstkritischen Schumann diese siebenteilige Chorkantate, wie er sie zunächst nennt, bald als zu kurz. Daher komponierte er nachträglich den Anfang der Geschichte, also die Begegnung von Gretchen und Faust, dann Fausts Tod und schließlich noch eine Ouvertüre, die das Konglomerat zusammenhalten und erhellen soll. Gelungen ist das nicht. Schumann, der das Pferd vom Schwanz her aufzäumt und für die drei Faust-Szenen bis 1853 – also 9 Jahre – braucht, hinterlässt einen sonderbaren Torso. Erst 1862, sechs Jahre nach Schumann Tod, wird das komplette Werk in Köln uraufgeführt.

Hat man/frau das ganze Stück gehört, wird klar, wie sehr die nun ersten beiden Teile hinter den volumig auskomponierten dritten Abschnitt - „Fausts Verklärung“ - zurückfallen. Mächtig und schicksalsschwer rauscht zwar die Ouvertüre in d-Moll auf, um sich dann ins zuversichtliche Dur zu flüchten. Relativ blass bleiben die Dialoge zwischen Gretchen und Faust. Innig dagegen Gretchens Klage vor der Mater Dolorosa, der leidenden Gottesmutter. Doch erst die Domszene, in der ein böser Geist dem Gretchen seine Schuld (Muttermord und Schwangerschaft) vorhält und der Chor mit dem „Dies irae“ das Mädchen in die Verzweiflung treibt, besitzt eine mitreißende Dramatik. Dagegen plätschert – jedenfalls für meine Ohren – der zweite Teil eher so dahin. Die lyrischen Passagen des Erdgeistes Ariel, der mit Goethes Worten die Schönheit der Natur preist, rauschen irgendwie vorbei. Es fehlt insgesamt an klaren Linien, und selbst Fausts Tod geht nicht unter die Haut.

All’ das ist jedoch keinesfalls den fähigen Instrumentalisten der Akademie für Alte Musik Berlin, noch dem RIAS Kammerchor und auch nicht den durchweg überzeugenden Gesangssolisten anzulasten. Dietrich Henschel leiht dem Faust und später dem Doctor Marianus seinen geübten Bariton. Glockenrein der Sopran von Marlis Petersen, die anfangs das Gretchen, dann die Not und Una Poenitentium singt. In noch größere Höhen klettert mühelos die Stimme von Ruth Ziesak als Sorge und Magna Peccatrix. In kleineren Partien bewähren sich die beiden Altistinnen Sofi Lorentzen und Gerhild Romberger.

Gekonnt setzt Yorck Felix Speer (Mephisto, böser Geist und Pater Profundus) seinen Bass ein. Als Einspringer für den erkrankten Maximilian Schmitt bringt der erfahrene Christian Elsner seinen kräftigen Tenor (Ariel und Pater Ecstaticus) gut ins Spiel. Dem Pater Seraphicus verleiht Jonathan dela Paz Zaens (Bass) stimmlich Statur. Unbedingt erwähnt sei auch der engelsgleiche Berliner Mädchenchor.

Während Dietrich Henschel zuletzt kleine Ermüdungen hören lässt, laufen alle anderen in diesem dritten entscheidenden Teil zur Hochform auf. Mit großem Engagement machen sie Schumanns und Goethes Glauben an die Liebe und das Ewig-Weibliche als Wege zur ewigen Glückseligkeit zu ihrem eigenen Credo. Eine großartige Geburtstagsgabe für Schumann und alle, die seine Musik lieben. Ob dieser vom Publikum sehr bejubelten Wiederentdeckung auch künftig Erfolg beschieden sein wird, bleibt abzuwarten.

 

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