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Gemeinsam sind wir leiser

Sybill Mahlke, Der Tagesspiegel, 28.10.2008

Ein großer Kammerchor!

Ein großer Kammerchor: Zahlenmäßig verstanden dürfte dies ein Paradox sein. Wenn aber 72 Chorprofis aus drei exquisiten Kammerensembles zusammentreten, um „Weihegesänge“ von Alfred Schnittke zu zelebrieren, stellt sich eine merkwürdige Erfahrung ein. Die Musik klingt russisch, als ob es um die Krönung von Boris Godunow ginge, archaisch, stark, und doch bleibt ein spezifischer Kammerchorton erhalten. Mit diesem Individualismus in der Fülle entlassen sie uns aus dem Radialsystem in die Friedrichshainer Nacht: Nederlands Kamerchoor, Latvijas Radio Koris und RIAS-Kammerchor. Unter den Dirigenten Kaspars Putnins, Sigvards Klava, Jörg Genslein und Hans-Christoph Rademann haben sie das Publikum zu gleichgesinnt enthusiastischem Trampeln animiert. Dabei ist das Programm kein Zuckerschlecken. Musik meist aus dem 21. Jahrhundert, experimentell. So feiert der RIAS-Kammerchor sein 3. Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag mit Neuigkeiten und Gästen. Alle kommen gerade aus Riga, von Tenso Days, einem internationalen Treffen für Berufschöre. Anfangs werden rhythmische Delikatessen von Peter Jan Wagemans auf Mallarmé-Texte geschüttelt, dass den Hörern die Köpfe schwirren. Dann als Auftragswerk der Niederländer eine mutige Lautkomposition von Santa Ratniece, die zwölfstimmig das ganze Chörchen solistisch beansprucht: „Horo Horo“, sanftes Säuseln bis zu heulenden Höhenwundern, Beschwörung. Steffen Schleiermachers Auftragskomposition für den RIAS-Kammerchor hat wohl dazu beigetragen, die Ensembles auch in der Gemeinsamkeit gefühlsmäßig zu differenzieren. Denn „Ataraxia“ auf Epikur, Senaca, Buddhistisches und Meister Eckhart führt vier Chöre zu einer eigenen Mehrchörigkeit. Anders als in der historischen Musik greifen die Gruppen nicht ineinander, sondern sind in ihrer Gestik unabhängig, zufallsbestimmt. Ohne humanistische Bildung zu besitzen, wählt der Komponist Fremdsprachen für alle im Ringen um Gelassenheit, den gemeinsamen Schluss. Er setzt sich mit Wonne zwischen Stühle, und findet „diesen Schnittke fürchterlich“, „Mist“ – „und doch so schön“.

 

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