RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Unpathetische Schattenspiele

Tobias Pfleger, Klassik.com, 20.09.2008

...klanglich exzellent mit dem Orchester harmonierende Kammerchor" ... "agiert auf höchstem Niveau, stellt den dynamischen Abstufungen des Orchesters ebenso subtile des Chors entgegen, auch zwischen den einzelnen Stimmen. Die sehr klare Stimmgebung fördert dabei nicht nur die Textverständlichkeit, sondern bietet auch die Grundlage für den Zusammenklang des Solistenquartetts, das mit Ingela Bohlin (Sopran), Ingeborg Danz (Alt), Hans-Jörg Mammel (Tenor) und Alfred Reiter (Bass) exzellent besetzt ist.

Wie sehr individuelle Unterschiede zwischen Personen zu verschwimmen drohen, wenn man sie nach Gruppenzugehörigkeit klassifiziert, gehört zu den Binsenweisheiten der Alltagssoziologie. Dennoch passiert solches allzu leicht, etwa wenn man die unterschiedlichsten künstlerischen Ansätze und Interpreten-Persönlichkeiten unter dem Oberbegriff ‘Historisch informierte Aufführungspraxis’ oder ‘Alte-Musik-Bewegung’ (oder unter die vielen Ähnliches bedeutenden Synonyme) subsumiert. Was an (vordergründiger) Einordnung und Systematisierbarkeit dabei gewonnen wird, geht aufseiten des eingeordneten Objekts hinsichtlich seiner individuellen Ausprägungen verloren. Auch, dass Unterschiede zwischen Musikern aus dem breiten Lager historisch informierter Aufführungspraxis größer sein können, als dies der Deckmantel vermuten ließe, wird dabei ausgeblendet.
Anlass, sich einem individuellen Zugang gemäß den Idealen einer historisch informierten Aufführungskonzeption zu widmen, bietet Philippe Herreweghes jüngste Aufnahme der f-Moll-Messe Anton Bruckners. Den Orchesterpart übernimmt dabei in altbewährter Manier das Orchestre des Champs-Élysées, die vokalen Anteile sind dem RIAS Kammerchor und einem hochkarätigen Solistenquartett übertragen.

Philippe Herreweghe wird nicht selten als Romantiker im Lager der historisch Informierten bezeichnet. Nicht nur, weil seine Bach-Einspielungen der letzten ca. zehn Jahre sich durch eine Farbigkeit und undogmatisch gehandhabte Beweglichkeit auszeichnen, sondern auch, weil Herreweghe in seinem Musiziergestus den ihm verbundenen Ensembles eine starke Klangsinnlichkeit aufzuprägen wusste. Gleiches gilt auch für seine Aufnahmen der Musik des 19. Jahrhunderts, in den letzten Jahren vor allem den beiden Bruckner-Projekten. Hier zeigte Herreweghe auf überzeugende Weise, wie man ohne bilderstürmerische Verfahren (z.B. radikale Tempoauffassung, konsequentes Non-Vibrato) den Brucknerschen Sinfonien neue Seiten abgewinnen kann. Freilich drängt sich dabei die Frage auf, worin denn eigentlich die Unterschiede zu einer Mainstream-Aufführung lägen, wenn sich bis auf klangliche Details recht wenig deutliche Differenzen auszumachen sind.

Eine Antwort lässt sich auch aus der vorliegenden Aufnahme der f-Moll-Messe gewinnen. Es sind eben diese klanglichen Nuancen, die für Herreweghes Interpretationskonzept grundlegend sind. Auch wenn er darüber hinaus auf nicht wenige expressive Möglichkeiten der Spielpraxis im 19. Jahrhundert verzichtet. Aus den spezifischen Klangfarben, den Balanceverhältnissen und Eigenschaften der historischen Instrumente gewinnt Philippe Herreweghe die Basis seiner Interpretation. Nicht zu vergessen freilich den klanglich exzellent mit dem Orchester harmonierenden Kammerchor. Auffallend ist dabei, dass sich die Farben der Orchestergruppen trotz der stark ausprägten individuellen Kolorierung sehr gut mischen (sicherlich ein konsequent verfolgtes Ideal des Dirigenten). Und doch treten etwa Holz- und Blechbläser in charakteristischen Passagen leicht aus der orchestralen Textur hervor. Dafür gibt es in ‘Gloria’ und ‘Credo’ unzählige positive Beispiele. Damit wird ein weitestgehend unpathetisches Bild der f-Moll-Messe gezeichnet, ein Klanbild von Beweglichkeit und Abwechslung nicht nur in den typisch Brucknerschen großen Blöcken. Herreweghe schafft es, selbst kleinste Wendungen einem Farbwechsel zu versehen, am deutlichsten wohl in dem ausgedehnten ‘Benedictus’, das hier von wahrlich bewegenden Schattenspielen geprägt ist. Auch die Kontrapunktik wird durch die Klangeigenschaften der historischen Instrumente und vor allem die spezifischen Artikulation in Verbund mit einer sehr subtil durchgestalteten Dynamik verdeutlicht, ohne jene Behäbigkeit aufkommen zu lassen, die früheren Deutungen der f-Moll-Messe oft anhaftete. Ein großes Verdienst des Dirigenten ist es nicht zuletzt, die Musik manchmal atmosphärisch bis zum Stillstand zu bringen, sie quasi auf der Stelle treten zu lassen, um sie dann, in den berühmt-berüchtigten Ostinato-Figuren wieder mit Leben zu füllen, indem dynamische Feinarbeit für den statisch wirkenden Untergrund mit klaren dynamischen Steigerungsverläufen überwölbt. Das bekommt dem Stück unerhört gut, weil Herrweghe alles Pathetische durch eine sowohl bewegliche als auch bewegende Gestaltung des orchestralen wie des vokalen Parts fahren lassen kann, um dennoch (auch wenn es nicht pathetisch ist) eine wirklich große Werkdeutung zu erreichen.

Entscheidenden Anteil haben daran freilich die vokalen Kräfte. Der RIAS Kammerchor agiert auf höchstem Niveau, stellt den dynamischen Abstufungen des Orchesters ebenso subtile des Chors entgegen, auch zwischen den einzelnen Stimmen. Die sehr klare Stimmgebung fördert dabei nicht nur die Textverständlichkeit, sondern bietet auch die Grundlage für den Zusammenklang des Solistenquartetts, das mit Ingela Bohlin (Sopran), Ingeborg Danz (Alt), Hans-Jörg Mammel (Tenor) und Alfred Reiter (Bass) exzellent besetzt ist. Nicht nur die beiden Frauen können absolut überzeugen (etwa gemeinsam im ‘Benedictus’), auch Mammel und Reiter agieren auf hohem Niveau. Hans-Jörg Mammel zeigt nach einem mit etwas innerlichem Überdruck gezeichneten Einstieg im ‘Credo’ eine tadellose Leistung und bei Alfred Reiters ‘Crucifixus’-Einwürfen im ‘Credo’ entsteht, auch wegen Reiters prägnanter, kompakter Stimmgebung, leicht der Eindruck, die dunklen Einwürfe kämen von der titelgebenden Figur aus Boitos ‘Mefistofele’.

Auf hohem Niveau ist nicht nur die interpretatorische Gesamtleistung angesiedelt, sondern auch die klangliche Umsetzung. Die Staffelung von Chor und Orchester ist sehr gut gelungen, die Solisten sind stellenweise etwas zu sehr im (klanglichen) Vordergrund. Auch die feinen dynamischen Schattierungen werden klar abgebildet, was auch der klanglichen Reproduktion ein zentrales Element von Herreweghes Klangregie bewahrt.



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