
...viele packende Chöre: Das Volk, nein: die Völker sind die eigentlichen Hauptpersonen des Werks. Der allgegenwärtige RIAS-Kammerchor, von hervorragenden Soli angeführt, singt und spielt bestens – und beantwortet die Frage nach der jeweiligen Couleur per Huttracht: saufende Babylonier tragen Lorbeerkränze, unterjochte Israeliten Kappen, gottesfürchtige, die Massen verschonende Perser tragen rote Stirnbänder.
May the King live forever!“, wies Georg Friedrich Händel den Chor von Westminster Abbey an, dem einen Monarchen hymnisch entgegenzurufen – und beschrieb mitleidlos des verkommenen anderen Königs letzte Tage. Aber es lagen ja nicht nur 2265 Jahre zwischen den beiden musikalisch geschilderten Ereignissen: Immerhin war George II. der gottgewollte neue englische König, und Belshazzar bloß der heidnische Herrscher des sprichwörtlich lasterhaften Babylons.
Gekrönte Häupter standen im Mittelpunkt des Auftakts der Innsbrucker Festwochen für Alte Musik. In der prächtigen Stiftskirche Stams zelebrierten die guten ortsansässigen Kräfte von „Innsbruck Festival Chorus“ und „moderntimes1800“ unter Leitung des Briten Piers Maxim mit Verve und Frische Händel: nicht nur das „Dettinger Te Deum“, sondern zuvor auch die beiden grandiosen Krönungs-Anthems „Zadok the Priest“ sowie „The King shall Rejoice“, und begleiteten dazwischen den tadellosen Sebastian Wienand beim F-Dur-Orgelkonzert op. 4/4. Ja, auch der Chor: Für das Oratorium „Athalia“ ausnahmsweise nicht als Pausenfüller, sondern als Finale entstanden, mündet das Konzert in einen Alleluja-Schlussgesang – mit denkbar großem Effekt.
Einem Oratorium in szenischer Deutung galt auch die wie immer vom Künstlerischen Leiter René Jacobs betreute Eröffnungspremiere der Festwochen im Innsbrucker Landestheater, realisiert in Koproduktion mit Berlin, Aix und Toulouse: „Belshazzar“ – wobei im vom „Messiah“-Librettisten Charles Jennes mit neutestamentlichen Anspielungen nur so gespickten Text natürlich nicht die Titelfigur, sondern der schließlich siegreiche persische Belagerer Cyrus das Gegenstück Georges II. an Euphrat und Tigris darstellt.
Regisseur Christoph Nel lässt denn auch den ausdrucksstarken Countertenor Bejun Mehta im beweglichen, von einer Zikkurat abstrahierten Stufen-Ambiente (Roland Aeschlimann) beständig knien und beten. Ein denkbar großer Kontrast zum sängerisch blassen, dafür mit Mimik und Gestik eines Stummfilmstars über die Bühne stolzierenden, wetzenden, turnenden Tenors Kenneth Tarver als Belshazzar, ein „monstrous human beast“, zu dessen Charakterisierung in einer Arie des alten Gobryas (gut: Neal Davies) im Orchester gar drastisch ein Schwein grunzt: Nicht bloß ein Hedonist, sondern auch ein Schlächter, der als Zepter eine Axt trägt.
Hauptpersonen sind die Völker
Angesichts eines so missratenen Sprösslings graut auch der Königsmutter Nitocris, einer marianisch leidenden Tugendwächterin, die Rosemary Joshua stimmlich und darstellerisch eindrucksvoll verkörpert. Sie steht zunehmend unter dem Einfluss des Propheten Daniel (solide: Kristina Hammarström), der allein jene geheimnisvolle Inschrift deuten kann, die beim lästerlichen, weil die heiligen Gefäße der gefangenen Israeliten entweihenden, Bankett an der Wand erscheint („Mene mene tekel upharsin“, das sprichwörtliche Menetekel): als nahendes Ende der Schreckensherrschaft.
Da lässt Händel die zuvor ausgelassene Musik expressiv zu stockenden Tönen gefrieren – und pfeift im Übrigen meist aufs Dacapo in den Arien, folgt stattdessen auch in ausgedehnten Accompagnati ganz dem Text, baut vor allem auf viele packende Chöre: Das Volk, nein: die Völker sind die eigentlichen Hauptpersonen des Werks. Der allgegenwärtige RIAS-Kammerchor, von hervorragenden Soli angeführt, singt und spielt bestens – und beantwortet die Frage nach der jeweiligen Couleur per Huttracht: saufende Babylonier tragen Lorbeerkränze, unterjochte Israeliten Kappen, gottesfürchtige, die Massen verschonende Perser tragen rote Stirnbänder. Mit der Akademie für Alte Musik Berlin realisiert Jacobs vom originellen Continuo bis zum festlichen Tutti die Partitur farbreich, pointiert und lebendig. Ein ausgiebig bejubelter Abend von großer szenischer und musikalischer Geschlossenheit.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
