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Rasch vorangetriebene Schöpfung

Tobias Pfleger, Klassik.com, 29.06.2008

...der RIAS Kammerchor lief bei diesem 1990 mitgeschnittenen Konzert zu Höchstform auf. Bestens balanciert zwischen den Registern, entfachten die Sängerinnen und Sänger eine von Elan und künstlerischer Meisterschaft gleichermaßen getragene Leistung.

Neben den mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart veröffentlichten akustischen Beweisversuchen, dass historisch informierte Aufführungspraxis nicht nur auf dem Einsatz historischen Instrumentariums (siehe Norringtons früheres Ensemble London Classical Players) begründet sein müsse, sondern auch mit einem modernen Sinfonieorchester realisierbar sei, und den daraus hervorgehenden Repertoiredopplungen scheint man entdeckt zu haben, dass Sir Roger Norrington auf seinem Weg durch die Musikgeschichte von Monteverdi bis Elgar nicht in jedem Repertoirebereich gleichermaßen seine Duftmarken hinterlassen hat. So macht sich nun die Profil Edition Günter Hänssler daran, Lücken zu stopfen. C.P.E. Bach war schon dran, und jetzt kommt Joseph Haydn mit einem sehr gelungenen Live-Mitschnitt der ‘Jahreszeiten’ und der nun vorliegenden ‘Schöpfung’. Und obwohl bei beiden Werken dieselben Solisten zum Einsatz kommen wie auch Chor und Orchester die gleichen sind, überragt diese Einspielung jene des oratorischen Schwesterwerks um Längen. Diese ‘Schöpfung’ ist von höchster Spannung geprägt, durchzogen von einem raschen Puls. Norrington entwickelt mit den Solisten, dem fabelhaften Chor und dem hoch engagierten Orchester eine außerordentliche Dynamik. Mag sein, dass die Konzertatmosphäre ein Übriges dazu beitrug, Vokalisten wie Instrumentalisten zu Höchstleistungen zu animieren. Zweifellos handelt es sich um einen technisch sehr guten, aber vor allem musikalisch exzellenten Mitschnitt.

Den ungebremsten Drang nach vorn merkt man nicht nur in den anderswo leicht behäbig daher kommenden ausladenden Chorsätzen und Terzetten, sondern vor allem auch in den rasch vorangetriebenen Rezitativen. Impulsiver noch als bei dem Kollegen Gardiner peitscht Sir Roger die Schöpfungsgeschichte voran, unterstützt von einem agilen Orchester, das die Accompagnato-Rezitative mal federleicht, mal donnernd ungestüm unterstützt. Dass Norrington stets eher schnelle Tempi anschlägt, tut vor allem mancher Chorfuge gut, in der alles Hölzerne und Akademische zugunsten eines belebten, leidenschaftlich treibenden Musizierens vermieden wird. Man muss kaum betonen, dass Norrington die in der Partitur angelegten Naturkolorierungen plastisch, zuweilen überplastisch herausbringt. Wenn Gott den Lichtschalter betätigt (‘Es werde Licht!’), entfacht das Orchester zusammen mit dem Chor einen martialisch hellen Sound, bei dem sich mit dem Licht gleichzeitig der Höllenschlund zu öffnen scheint. Solche Kontraste mögen an manchen Stellen etwas überzogen sein, aufregend und ausdrucksvoll sind sie allemal. Aber auch in gegensätzlichen Ausdrucksbereichen hält diese Einspielung wunderbare Passagen bereit, etwa wenn nach dem beherzten Choreintritt ‘Die Himmel erzählen die Ehre Gottes’ die Solisten in einer ganz duftenden, vom Orchester ganz fein kolorierten Welt wieder finden.

Auch bei der ‘Schöpfung’ kann das Solistenterzett mit Christiane Oelze (Sopran), Scot Weir (Tenor) und Peter Lika (Bass) vollauf überzeugen. Auch wenn Christiane Oelze anfangs noch ein leicht metallisches Timbre aufweist, wird ihr Sopran doch im Laufe der Schöpfungstage immer runder und weicher. Nicht weniger wortverständlich, kraftvoll und engagiert gehen auch Scot Weir und Peter Lika zu Werke. Weirs Tenor kann auch die teilweise geforderten Bariton-Einfärbungen sehr gut meistern, dafür steht seine zielgenau geführte Stimme ein. Und Peter Lika verkörpert als Raphael jene Urgewalt, vor der selbst Wind und Wetter erzittern dürften. Auch der RIAS Kammerchor lief bei diesem 1990 mitgeschnittenen Konzert zu Höchstform auf. Bestens balanciert zwischen den Registern, entfachten die Sängerinnen und Sänger eine von Elan und künstlerischer Meisterschaft gleichermaßen getragene Leistung.

Wie auch bei den ‘Jahreszeiten’ nimmt die Tontechnik mehr die Totale auf denn auf kleinste Stimmverästelungen zu deuten. Doch allein schon diese Totale bringt so viele Schattierungen und von Instrumentalisten und Sängern erzielte, sehr gut austarierte Dichte hervor, dass man auch aufnahmetechnisch nichts zu tadeln gibt.
Roger Norrington beweist mit dieser Aufnahme einmal mehr, dass er für Überraschungen immer gut ist – und auch 1990 (bekanntlich) schon war. Schon möglich, dass bei ihm manchmal einige Sachen ganz schön in die Hose gehen, wenn er Orchester und Sänger nicht genug anstacheln kann, die Spannung am oberen Anschlag zu halten. Diese Aufnahme aber gehört zu seinen Sternstunden.



 

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