Nicht weniger ansehnlich agieren der RIAS Kammerchor und das Chamber Orchestra of Europe...der bestens disponierte RIAS Kammerchor.
Joseph Haydns Oratorium ‘Jahreszeiten’ (Hob. XXI:3) gehört zu jenen Werken, die von der Frischzellenkur seitens historisch informierter Aufführungspraxis zweifellos beträchtlich profitierten. Denn gehörte (und gehört) dieses abendfüllende Schmuckstück zum Repertoire vieler halbwegs ambitionierter Chöre, so wurde nicht selten daraus ein bestenfalls gut gelauntes Großspektakel, oftmals etwas behäbig und mit breitem Pinsel dargeboten. Dank der Hitzköpfe aus dem Lager Alter Musik aber konnte man an Haydns ‘Jahreszeiten’ wieder ganz neue, frische, interessante, dramatische Seiten aufspüren, eine Reichhaltigkeit an feinen Gesten und Farben, die von einem großen Chor samt ebenso üppig besetztem Orchester kaum je so subtil zutage gefördert werden können. Eine hohe Messlatte hat da René Jacobs mit seiner Einspielung gelegt, eine Referenz, an der sich neue Lesarten aus dem Felde der historisch Informierten zu messen haben.
In der Profil Edition Günter Hänssler erschien nun eine Aufnahme der ‘Jahreszeiten’ mit dem RIAS Kammerchor und dem Chamber Orchestra of Europe unter der Leitung von Sir Roger Norrington. Aufgenommen im September 1991 bei Konzerten im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, standen dem Instrumental- und Vokalensemble drei Solisten höchster Güte zur Verfügung: Die Sopranistin Christiane Oelze, der Tenor Scot Weir und der Bassist Peter Lika.
Sowohl Christiane Oelze als auch Peter Lika verbinden eine klar fokussierte Stimme mit sonorem Volumen. Das lässt den Sopran-Part der Hanne stellenweise etwas zu fraulich-gediegen klingen, wird aber aufgefangen durch Oelzes geschmackvolle Gestaltung, die ihren Gestus aus einer unprätentiösen Leichtigkeit und Klarheit der Stimmführung gewinnt. Da werden keine übertriebenen, opernhaften Seiten aufgezogen; hier darf der Text in seiner idyllischen Grazie wirken. Gleiches gilt auch für Peter Lika als Simon. Seine profunde Stimme hat genügend Wendigkeit, um Rezitative schwebend deklamieren zu können und dem Ausdrucksspektrum der Arien gerecht zu werden. Doch auch er verbindet Piano-Passagen oder schnelle Läufe mit seinem runden, satten Ton. Damit aber steht er sich manchmal selbst ein wenig im Weg, wie etwa in der Arie ‘Schon eilet froh der Ackersmann’, die ein wenig jenen Buffo-Charakter erhält, den man bei älteren Sängern beobachten konnte, wenn sie im bewegtesten Notengetaumel nichts von ihrem satten Klang lassen wollten. Dennoch können sowohl Lika als auch Oelze im großen Ganzen überzeugen. Scot Weir nimmt sich dagegen stellenweise ein wenig schmalbrüstig aus. Sein Tenor strahlt hell, hat aber nicht jene samtige Farbe eines Werner Güra, der allein vom Klang her zu anderen beiden Sängern möglicherweise ein wenig besser gepasst hätte. Aber auch Scot Weir löst seine Aufgabe technisch tadellos und mit sehr weicher, geradliniger Stimmgebung.
Nicht weniger ansehnlich agieren der RIAS Kammerchor und das Chamber Orchestra of Europe. Norrington hält sich zwar meist an der Klangoberfläche auf, so dass stellenweise ein wenig Spannung fehlt. Doch was er an dieser Oberfläche findet, lässt keine Langeweile aufkommen. Vor allem die Klangnachbildungen von Naturereignissen werden mit hoher Plastizität heraus gestellt. Freilich lässt sich mit den modernen Instrumenten des Chamber Orchestra of Europe nicht jene schillernde Farbigkeit erreichen, die im Rückgriff auf historischen Instrumenten möglich wäre. Dafür entschädigt Norrington jedoch mit einem hoch transparenten, rhythmisch bewegten Spiel, das die Orientierung an metrischen Schwerpunkten in eine fluktuierende Abfolge von Spannung und Entspannung auflöst. Freilich hat daran das ausgezeichnete Kammerorchester entscheidenden Anteil, ebenso wie der bestens disponierte RIAS Kammerchor.
Auch klangtechnisch gibt es an dieser Einspielung kaum etwas zu mäkeln. Dynamisch gut gestaffelt, kommen Solisten, Chor und Orchester bestens zur Geltung. Dabei wird nicht auf höchste klangliche Trennschärfe gesetzt, sondern auf ein homogenes, in sich sehr gut austariertes Klangbild.