RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Durch Glauben zu Gewissheit, Zuversicht und Heiterkeit

Peter Korfmacher, Leipziger Volkszeitung, 24.06.2008

Der fabelhafte RIAS Kammerchor ... reagiert in Echtzeit auf Sir Rogers beglückte Gesten, formt dynamische Wunder, erkundet die Grenze zur Stille, und den satten Prunk.

Traditionelles Festival-Ende in der Thomaskirche: h-moll-Messe mit Roger Norrington, Rias-Kammerchor und Deutscher Kammerphilharmonie Bremen.

Entspannt steht Sir Roger Norrington auf der Empore der gestopft vollen Thomaskirche. Und seine Tätigkeit ist im strengeren Sinne kaum als „Dirigieren“ zu bezeichnen. Das muss er auch nicht, denn der fabelhafte Rias-Kammerchor aus Berlin und die ebenbürtige Deutsche Kammerphilharmonie aus Bremen bedürfen des Taktschlägers nicht, auch nicht die soliden Solisten Dominique Labelle, Annette Markert, James Taylor und Yorck Felix Speer. Ihnen reichen Impulse, damit das Tempo einrastet. Selbst bei einem so enorm anspruchsvollen Werk wie Bachs h-moll-Messe, mit der am Sonntagabend das Bachfest des Jahres 2008 endete. Das opus summum der europäischen Kirchenmusik steht traditionell am Ende des Bachfestes, und so verschieden die Interpreten, so verschieden waren bisher die Ansätze: Thomaskantor Biller hat 2006 die Pracht dieser Partitur ganz aus dem Text und seinem Inhalt gezeugt, Herbert Blomstedt 2005 schlanke Transparenz und tiefste Empfindung zusammengebracht, Eric Ericson 2003 auf warme Unmittelbarkeit gesetzt, Philippe Herreweghe 2003 auf Virtuosität, klangliche Makellosigkeit, musikalische Vollkommenheit, Christopher Coin 2002 ganz unaufgeregt die vielen, vielen Noten für sich sprechen lassen.

Auch damals war der Rias-Kammerchor mit von der Partie. Aber Sir Roger nähert sich dem monumentalen Werk, das kein Werk ist, sondern eine Sammlung, von einer anderen Seite: Seine h-moll-Messe ist nicht dramatisch, nicht bußfertig, nicht demütig, sie ist: heiter. Und obschon die Lebensfreude zunächst manchem in den harten Kirchenbänken ein wenig zu weit zu gehen scheint, hat dieser gedankliche Ansatz durchaus seine Logik: Welches Ziel schließlich sollte Religion haben, wenn nicht durch Glauben zu Gewissheit, Zuversicht, zu Glück, zu Heiterkeit eben zu gelangen? So lässt Norrington in den auftrumpfenden konzertanten Chorsätzen die Trompeten prunken, den Chor gleißen, die Streicher tanzen. Da strahlen die Sätze im alten Stil bei aller ihrer archaischen Würde doch in diesseitiger Schönheit, sind das entrückte „Et incarnatus est“, sogar das „Crucifixus“ keine aschfahlen Reflexe auf Menschwerdung und Passion, sondern lichtdurchflutete Doppelpunkte vor der Auferstehung: „Et resurrexit“.

Bemerkenswerterweise geht Norringtons allumfassender Optimismus zunächst mit eher getragenen Tempi einher, die sich angenehm absetzen vom sportlichen Ehrgeiz vieler Originalklinger. Und, à propos: Werden moderne Instrumente so leicht und geschmeidig und durchhörbar und stilsicher bedient wie von den Bremern, vermisst niemand die alten. Ebenso wie das Orchester reagiert auch der Chor in Echtzeit auf Sir Rogers beglückte Gesten, formt dynamische Wunder, erkundet die Grenze zur Stille, und den satten Prunk. Sanft streichelt Norrington die Luft hoch über seinem Kopf, dann ballt er die Faust oder pflückt immer neue Herrlichkeiten vom Himmel und dreht beim Dirig-, nein: Inspirieren seinen Musikern auch schon mal den Rücken zu, um lächelnd das Wesen dieses bewegenden Konzerts zu erfassen - mit einem langen Blick auf Bachs Grab. Folgerichtig schließt er am Schluss in den tosenden Raum auch die Kirche mit ein. Bachs Kirche, in der sein Festival nicht würdevoll, sondern beglückend endete.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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