RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Peter Norringtons jubelnde Hände

Uwe Mitsching, Weißenburger Tagblatt, 30.06.2008

...äußerst prononciert artikulierende Choreinstudierung (Hans-Christoph Rademann)" und "spirituelle Leichtigkeit ... beseelt vom »fließenden Lichte der Gottheit« ... der schwebende Chorsopran, die markanten Männerstimmen.

Johann Sebastian Bachs «Hohe Messe in h-moll« war ein weiterer Höhepunkt der Internationalen Orgelwoche Nürnberg (ION). Es dirigierte Sir Roger Norrington in St. Sebald.

Sein Zeigefinger führt Regie, wenn der Auferstehungsjubel losbricht, das Hosanna wie eine duftige Klangwolke über dem Orchester schwebt oder die finale Friedensbitte in einer überwältigenden Steigerung heranrollt: Bewegtheit und Begeisterung über Sir Roger Norrington und seine Sicht auf Bachs h-moll-Messe in der ausverkauften Sebalduskirche.

Norrington ist wieder mehr auf Tour

Sein Wort war eines der ersten und wichtigsten zur Historischen Aufführungspraxis. Seine Interpretationen haben die neue Sicht auf Alte Musik aus dem Elfenbeinturm der Spezialisten befreit. Norrington, nach Jahren in Salzburg und Stuttgart jetzt wieder mehr auf Tour: Sein Orchester ist diesmal die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, die sich ohnehin nur auf interessante Dirigenten einlässt und mit Daniel Sepec einen fabelhaften Konzertmeister hat, dazu erstklassige Solisten (Flöte, Oboe).

Der RIAS-Kammerchor Berlin agiert, und Sir Roger lenkt nach kurzem Altstadtspaziergang mit mildem Lächeln, offenem Kragen, aufgekrempelten Ärmeln und weit ausschwingenden, pfeilgerade fordernden Bewegungen beim ersten «Kyrie«-Einsatz. Er besteht auf einem in profunder Tiefe durch die Kirche wallenden Bassfundament, aus dem wie glitzernde Spitzen die Geigen oder Oboen auftauchen. Die äußerst prononciert artikulierende Choreinstudierung (Hans-Christoph Rademann) braucht er oft nur durch Blickkontakt abzurufen.

Kein Dompteur, ein Modelleur

Was Norrington wirklich interessiert sind die Accellerandi, Crescendi in den sich gewaltig entwickelnden Sätzen. Zuweilen sitzt er auch mit verschränkten Armen, verhilft den Sängern zu lockerer Gestaltungsfreiheit im Rahmen zügig voranschreitender Tempi: kein Dompteur, ein Modelleur. Norrington hat keine verschattete, meditative Messe im Sinn, sondern glänzende Barockmusik, die leuchten kann wie der Widerschein der Abendsonne in den Sebalder Fenstern – ein Raum-/Klangerlebnis. Alles hat spirituelle Leichtigkeit, ist beseelt vom «fließenden Lichte der Gottheit«, wie die Mystiker das genannt haben: der schwebende Chorsopran, die markanten Männerstimmen.

Im ausgewogenen Solistenquartett war die Altistin Annette Markert ein funkelnder Solitär. Details, die in Erinnerung bleiben: die stürmische Jubel-Bataille des «Cum sancto spiritu«, das fröhliche «Credo«, das «Et incarnatus est« als tödliches Ermatten. Dafür uneingeschränkte Zustimmung.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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