RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Die Frage der Moral

Jürgen Otten, Frankfurter Rundschau, 09.06.2008

Diese Trias singt, spielt und beglaubigt der RIAS Kammerchor fabelhaft. Denn nicht nur vermögen es die solistisch geübten Sängerinnen und Sänger, den harmonischen und melodischen Gespinsten, die Händel den drei Völkern in die Körper geschrieben hat, differenziert darzustellen. Sie spielen diese Anverwandlungen auch mit einer choreografischen Energie, die sich im schläfrigen Ambiente des ersten Aktes andeutet, um in den beiden Folgeakten, mit Unterstützung der hellwachen AkaMus-Leute, aus- und durchzuschlagen.

Eine Oper? Ginge es nach dem Gesetz der Puristen und dem Willen des Schöpfers, wäre dies kaum die richtige Genrebezeichnung. Offiziell ist Händels "Belshazzar", 1745 am King's Theatre zu London uraufgeführt (mit dem Komponisten am Pult, vor beinahe leerem Haus), ein Oratorium; wenngleich, was nicht unwesentlich scheint, ein dramatisches. Händel selbst befand unabhängig von der Gattungsfrage, es sei ein gelungenes Werk - "it is indead a noble piece", schrieb er an seinen Librettisten Charles Jennens, der auch die Texte zu "Saul" und "Messiah" verfasste.

Ein nobles Stück ist es in der Tat. Musikalisch, weil es eine gelungene Mischung darstellt aus eindrucksvoll strukturierten Chören, dramaturgisch klug gefügten Arien, lyrisch nachhaltigen Arioso-Passagen und einer Vielzahl an Rezitativen, die je nach Stimmungslage mal secco, mal accompagnato gesetzt sind. Textlich, weil es über die historische vorchristliche Begebenheit hinaus - den unaufhaltsamen Fall des labilen babylonischen Herrschers Belshazzar - die Geschichte einer christlich konnotierten Versöhnung erzählt, durch die hindurch eine politische Implikation irrlichtert, die aber doch tiefer reicht, gleichsam in religiös-moralische Gefilde.

Librettist Jennens hat, um diese Ausdehnung zu bewerkstelligen, auf mehrere Quellen zurückgegriffen. Stoff liefern ihm sowohl das Alte Testament mit den Büchern Daniel, Jeremiah und Jesaja, als auch die Geschichtsbücher von Xenophon und Herodot. Was er aus dieser Melange herausgefiltert hat, lässt sich als eine Grundfrage an unsere Zivilisation begreifen: Darf eine Hand blutig sein, damit die andere sauber wird? Ist es, um der Tugend zum Sieg zu verhelfen, vertretbar, untugendhafte Mittel zu verwenden? Ist Tyrannenmord gerechtfertigt, damit das Gute möglich wird?

Eben diese Frage stellt Christof Nel in seiner oberflächlich langatmigen, subkutan jedoch äußerst wirksamen, will sagen: intelligiblen Inszenierung an der Berliner Lindenoper in den Fokus. Die Geschichte ist ihm nur Hülle dazu. Nel vertraut darauf, dass der Zuschauer das hinnimmt: dass er eben keine Oper mit spannungsgeladener Handlung sieht, sondern einen geschichtsphilosophischen Bericht, in Töne gekleidet: ein Oratorium eben.

Um das zu beglaubigen, setzt Nel vor allem Zeichen, oder er lässt sie setzen. Schon die Bühne von Roland Aeschlimann ist eines: eine steile graue Felswand, in kaum überwindbaren Stiegen aufwärts führend, hin zum schwarzen Thronsessel des Belshazzar. Nur Extremkletterer schaffen es auf diesen Aussichts- und Aufsichtspunkt. Zudem waltet das Verbot in Gestalt eines schwarzen Tuchs: die Bannmeile.

Den ersten Akt hindurch geschieht rund um dieses Zentrum der Macht kaum etwas. Auch musikalisch nicht. René Jacbos hält die Akademie für Alte Musik schon in der Ouvertüre nach französischer Art, aber auch danach zu erstaunlich betulichem Tonfall wie Tempo an. Fast fürchtet man, hier seien Sedativa verabreicht worden. Doch das Regiekonzept verlangt nach dieser Herrschaft der Langsamkeit. Und genau darin liegt der Clou des Abends. Das Träge ist gewollt.

Es insinuiert die Verkrustung eines Systems, das durch seine Dekadenz erodiert; selbst das Saufgelage ist nurmehr Gebärde: Simulation bacchantischer Exaltation. Entsprechend unbeteiligt thront Belshazzar (Kenneth Tarver) abwechselnd mit Axt oder Weinflasche in der Hand auf seinem Platz (und singt meist auch so); entsprechend erschöpft schleicht seine Mutter Nitocris (Rosemary Joshua, die sich spät steigert, dann aber sirenengleich betört) einher, mit geflüstertem Gesang, kaum verständlich; und entsprechend farblos bleibt Cyrus (Bejan Mehta) in diesem Akt.

Nur die Völker sind unruhig: die Perser, weil sie Babylon nicht erobern können; die Babylonier, weil sie die Eroberung fürchten; und die Juden, weil sie in und an babylonischer Gefangenschaft leiden. Glaube, Hiebe, Hoffnung.

Diese Trias singt, spielt und beglaubigt der RIAS Kammerchor fabelhaft. Denn nicht nur vermögen es die solistisch geübten Sängerinnen und Sänger, den harmonischen und melodischen Gespinsten, die Händel den drei Völkern in die Körper geschrieben hat, differenziert darzustellen. Sie spielen diese Anverwandlungen auch mit einer choreografischen Energie, die sich im schläfrigen Ambiente des ersten Aktes andeutet, um in den beiden Folgeakten, mit Unterstützung der hellwachen AkaMus-Leute, aus- und durchzuschlagen.

In diesem Zuwachs an Ereignishaftigkeit, Dichte und Emphase, in der der Countertenor Bejun Mehta (Cyrus) glanzvolle Augenblicke beschert, liegt das Geheimnis des Abends, seine Bedeutsamkeit. Dass sie schwer zu entdecken ist, sollte nicht verschwiegen werden, egal ob "Belshazzar" eine Oper ist oder nicht.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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