Den exzellenten RIAS-Kammerchor hat Bettina Walter so angezogen, dass er vom bekränzten, feiernden babylonischen Kolorit mit dem Griff zum Käppi zum jüdischen Teil wechseln konnte. Wie sich die Völker gleichen, soll das wohl heißen.
Händels Oratorium »Belshazzar« in der Staatsoper Berlin und bei den Händelfestspielen Halle
Georg Friedrich Händel (1685–1759) war mit Leib und Seele ein Mann des Theaters. Souverän und weltoffen sowieso, aber als Unternehmer seiner eigenen Musik immer auch marktorientiert. Als sich seiner Opernkarriere in London am Ende zu viele Widerstände, Konkurrenzunternehmen und ein wandelnder Zeitgeschmack entgegenstellten, wechselte er in den 1740er Jahren mit der Souveränität des Meisters wieder zum Oratorium. Aber auch hier ging der Opernkomponist nur spärlich getarnt durch die Reihen seiner Solisten, Chöre und Musiker. Die Gelassenheit einer der Händel-Renaissance frönenden Nachwelt ermöglicht es schon lange, jenseits der Genrebezeichnungen, die der Meister seinen über zwanzig Oratorien gab, auf deren dramatischen Schmiss und deren eingeborene Theatertauglichkeit zu setzen. So auch beim jetzt fast zeitgleich in der Berliner Lindenoper und zu den Händelfestspielen in Halle neu inszenierten »Belshazzar«.
In diesem 1745 in Londoner King's Theatre uraufgeführten Werk zum Text des Librettisten Charles Jennens geht es, auf der Basis des biblischen Geschichtenvorrates, hochpolitisch zu. Nicht nur mit allgemein moralisch belehrenden Appellen an die Herrschenden. Hier geht es um die exemplarische Konfrontation von gleich drei Völkern. Dabei ist die Unterdrückung und demonstrative Demütigung der Juden nur ein Symptom für die Verkommenheit der auf ihren Untergang zutaumelnden Babylonier unter der tyrannischen Fuchtel des Königs Belshazzar.
Die Invasion der Perser, unter Führung des Prinzen Cyrus, ist dann aber so effizient, maßvoll und auf Aussöhnung orientiert, dass das auch zu Händels Zeiten nur ein projizierter Wunsch fürs weltweite Friedensstiften gewesen sein kann: eine Invasion, die nur den Tyrannen persönlich das Leben kostet und ansonsten ohne Kollateralschäden auskommt. Eine realpolitische Königinmutter, die es fertigbekommt, im Staatsinteresse den Richter und Henker ihres Sohnes selbst Sohn zu nennen. Von den befreiten Juden, die ihn ihrerseits als den lange prophezeiten Retter anerkennen, »übernimmt« er den Gott und verspricht ihnen obendrein, ihre Stadt Jerusalem wiederaufzubauen. Und auch den von außen »befreiten« Babyloniern wird in Gestalt der Königinmutter die Brücke ins Goldene Zeitalter gebaut.
Wie es bei der Interpretation von Händels Opern oftmals die Brechung des lieto fine ist, die einer szenischen Interpretation heute ihre Legitimation verleiht, so sind es im Falle von »Belshazzar« das strukturelle Gutmenschentum des intervenierenden Prinzen, der ungebrochene Glaube an die gewaltsame Machbarkeit des Guten und das sich mit göttlicher Präzision verwirklichende Menetekel eines Untergangs als Strafe für den Hochmut der Anderen, die nach einer Interpretation verlangen.
In diesem Punkt wenigstens ist die Inszenierung des in Halle etwas übermütig drauflos bebildernden Patrice-Chéreau-Schülers Philippe Calvario der an der Lindenoper voraus. Dort ersticken die diskursiven Exerzitien des bislang oft mit seiner analytischen Schärfe bestechenden Regisseurs Christof Nel fast an ihrer matten Formstrenge. Während Nel aus Cyrus einen ungebrochen positiven Helden macht, bleibt der »Befreier« bei Calvario deutlich gebrochener. Wenn in Berlin am Ende eine Formation aller Beteiligten den Appell der Kunst an die Wirklichkeit als eine Theatergeste betont, fährt der mit Königsmantel und Krone ausgestattet Cyrus in Halle auf einem Schwenkarm in den Bühnenhimmel, um von dort aus fortan göttergleich das Geschehen zu seinen Füßen zu dirigieren.
In der Lindenoper wirft Roland Aeschlimanns in sich verschieb- und erkletterbare Riesenmauer einen lähmenden Schatten auf das Personal, das sich ohnehin vor allem oratorisch bewegt.
Den exzellenten RIAS-Kammerchor hat Bettina Walter so angezogen, dass er vom bekränzten, feiernden babylonischen Kolorit mit dem Griff zum Käppi zum jüdischen Teil wechseln konnte. Wie sich die Völker gleichen, soll das wohl heißen.
Auf der Bühne ermüdet diese Erkenntnis aber schnell. Der Belshazzar mit der Krone bewegt sich hier, flankiert von artistischen Alter Egos seiner Gier, meist stilisiert katzenhaft. Doch dämonischer Schrecken kommt bei Kenneth Tarver nicht auf. Der Prophet Daniel (Kristina Hammarström) wirkt demonstrativ jüdisch, die Königinmutter Nitocris (mit der überzeugendsten Leistung: Rosemary Joshua) elegant, und der Eroberer Cyrus (Counter Bejun Mehta vor allem mit beeindruckender Mittellage) in seiner Lederkluft ziemlich taff, ja modern. Aus der Schändung der heiligen jüdischen Geräte beim Saufgelage wird eine individuelle Demütigung Daniels durch Belshazzar. Aus dem an sich ja ziemlich bühnenwirksamen, Unheil verkündenden Zeichen an der Wand: »mene, mene, tekel, upharsin« (gewogen und für zu leicht befunden) wird ein müdes Blutrinnsal, das die Mauer ausschwitzt. Ein schwarzes Tuch, das für den Fluss oder die Abgrenzung stehen mag, genügt als Zeichen vor allem sich selbst. Wie am Ende, so betont Nel auch am Anfang, wenn die Akteure nach und nach auf die Bühne schleichen, um hinter dem Vorhang zu verschwinden, die Theatersituation des Ganzen. Doch das Theater bleibt er über weite Strecken schuldig.
Ganz anders sein junger französischer Kollege in Halle. Der zieht alle Register einer Bühnenshow. Hier werden die Völkerschaften klar voneinander unterschieden. In einem weit ausholenden historischen Brückenschlag macht er aus den Babyloniern eine dekadente Barockgesellschaft, inklusive der am Hofe gerade in Mode gekommenen Spielchen à la Marquise de Sade. Sie treiben es wild und vor allem miteinander. Nicht nur der König Belshazzar (mit Verve: Nicholas Sales) wird dabei mit seinem verschwitzen Brustfrei zur Perücke in die Karikatur überzeichnet.
Pierre Nouvel hat dafür Freitreppen, Podien und Türme gebaut, die fortwährend verschoben werden. Die Eroberer kommen in einer Uniformmischung daher, die der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart entstammt. Langeweile kommt nicht auf, auch wenn etwas weniger Gerammle, Gehopse und Gestöhne mehr gewesen wäre. Cyrus ist hier nicht nur der Gutmensch vom Dienst, sondern hat selbst ein geradezu erotisches Verhältnis zur Macht, kann nur schwer verbergen, dass seine Eroberungs-, Befreiungs- und Versöhnungsstrategie politischem Kalkül und persönlicher Obsession geschuldet sind. Der fabelhafte Counter Jordi Domènech spielt das charismatisch. Wie überhaupt die Besetzung, die das Hallenser Opernhaus aufgeboten hat, keineswegs den Vergleich mit der des Hauptstadtopernhauses scheuen muss. Romelia Lichtenstein mit ihrer dramatischen Kraft und Höhensicherheit besticht da ebenso wie der mit dem Counter David DQ Lee besetzte Daniel oder der markante Gobrias von Florian Boesch. Auch der vom Vocal Concert Dresden verstärkte Chor der Oper Halle und vor allem das hauseigene Händelfestspielorchester unter Martin Haselböck standen in ihrer beredten Geschlossenheit der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von René Jacobs in Nichts nach. Das Protagonistenensemble hinterließ, vielleicht mit dem Rückenwind der Festspielstimmung, sogar einen etwas überzeugenderen Gesamteindruck.
Neben dem musikalischen Standard, der bei der Händel-Pflege heute üblich ist, verdeutlichen die beiden Produktionen szenisch zugleich die Schwierigkeiten, Händels Wechsel von der Oper zum Oratorium szenisch zurückzunehmen. Es muss ja nicht immer gleich so bedrückend politisch werden wie in Harry Kupfers legendärer Inszenierung von 1985. Diesmal jedenfalls verweigerte der eine (Nel) der Musik und der Dringlichkeit des Stoffes allzu puristisch das Theater, während der andere (Calvario) seinen Grundeinfall einer Analyse der Risiken und Nebenwirkungen einer zu platt gedachten Dekadenz überfrachtete.
Händels »Belshazzar« bleibt ein musikalisches Glanzstück und eine szenischen Herausforderung.
Nächste Vorstellungen: in Berlin am 10. Juni, in Halle am 11. Juni.