Der RIAS Kammerchor, ein Ensemble fürs Feine, erstaunt durch Sorgfalt und Kompetenz.
Die Kanzlerin hat gerade gerumst und die Bildungsrepublik ausgerufen - also flugs den Schwung genutzt für ein Paukerlob! Zu feiern ist Heiner Herzog, einer der elegantesten und fantasievollsten Solo-Pauker dieser Stadt, der uns immer wieder vor Ohren führt, dass ein Pauker nicht nur Knallakzente an die richtigen Stellen setzt, sondern mit Fell und Schlägeln fliegen, schwingen, singen kann.
Bis vor drei Jahren gehörte Herzog dem Berliner Sinfonie-Orchester an, nach seiner Pensionierung taucht er in vielen freien Ensembles auf. Am Sonnabend feierten ihn die Akademie für Alte Musik und der Rias-Kammerchor fast wie ein Maskottchen, nachdem der Dirigent Hans-Christoph Rademann ihn im Kammermusiksaal der Philharmonie zu einem Sonderapplaus des Publikums aufstehen ließ. In Georg Philipp Telemanns "Donnerode", inspiriert durch das schlimme Erdbeben von Lissabon 1755, hatte Herzog einen schwellend-schwingenden Donner von sagenhaftem Drive hingelegt, gesteuert durch Klanggefühl und Timing, dass einem das Pauken-Spiel wirklich als Kunst bewusst wurde.
Barock als Splattermovie
Der Rias-Kammerchor setzt sich ja seit einigen Jahren verstärkt für das Werk Telemanns ein. Dessen Brockes-Passion - klanglich von fast splattermoviehafter Drastik in der Schilderung der Kreuzigung Jesu - wurde im März zum zweiten Mal aufgeführt und auf CD aufgenommen. Und auch das letzte Konzert der Saison war ganz Telemann gewidmet: der lateinischen Motette nach Psalm 71, dem Deutschen Magnificat und eben der "Donnerode". Die Sorgfalt und Kompetenz des Chores erstaunt dabei immer wieder: Für die 1737/38 in Paris entstandene Psalmmotette engagierte man extra einen Sprachfachmann, der dem Chor und den Solisten ein Latein mit französischem Akzent antrainierte, um auch gesanglich dem "Originalklang" nahe zu kommen. Im Orchester fiel auf, dass Te-lemann sogar bei den Instrumenten verschiedene Sprachen beherrschte: französische Traversflöten für den Pariser Psalm, Blockflöten hingegen für das Deutsche Magnificat.
Sängerisch ist der Rias-Kammerchor ein Ensemble fürs Feine. Da wurde gleich im Eingangschor der Psalmmotette das Echo vom Klanglichen ins Geistige gewendet. Die leise Wiederholung der Worte "Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit des Königs Sohne" ließ Rademann so singen, als würde der Chor den imitierten Reflexschall als Reflexion begreifen und den Sinn der Worte abwägen. Was heißt das alles eigentlich: Gott, Gericht, Gerechtigkeit? Glücklicherweise ließ sich der manchmal etwas überdiszipliniert wirkende Chor dann im Magnificat auch zu einem Temperamentsausbruch hinreißen, um die Silben harsch herauszufauchen bei den Worten "Er übet Gewalt mit seinem Arm".
Bei den Solisten fiel besonders die Sopranistin Maria Cristina Kiehr auf, die in Klang und Atemführung so sensibel auf die Flöten abgestimmt war. Der Mezzosopranistin Franziska Gottwald gelang es im Verlauf des Abends immer besser, ihre Stimme zu öffnen und kehlige Glut leuchten zu lassen. Der Tenor Jan Kobow und der Bass Henryk Böhm sind seit längerem stilsichere, verlässliche Partner des Chores, und gerade bei Böhm erfreut immer wieder die Verbindung des Kernigen mit dem Leichten in der Stimme. Von Marek Rzepka wünschte man sich mehr Mut im Auftreten. Zu schüchtern, zu verhalten träumte er in seinen lyrischen Bass hinein.
Telemanns "Donnerode" merkte man die Sehnsucht nach Ordnung, Symmetrie, Vernunft an. Die Katastrophe von Lissabon hatte der optimistischen Aufklärung einen Knacks versetzt, die noch geglaubt hatte, Gott könne nicht gegen das Vernünftige verstoßen. Bei Telemann wird der vernünftige Gott flugs restauriert. Wie anders hätte wohl der damals schon verstorbene Johann Sebastian Bach reagiert, der in seiner Musik Gott niemals nach seinem Bilde erschuf?