RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

In der Berliner Staatsoper stürzt der Babylonierkönig "Belshazzar" ab

Frank Kallensee, Märkische Allgemeine Zeitung, 03.06.2008

Die Völker gibt hier der - wieder einmal zuverlässig phänomenale - Rias Kammerchor, flugs wechselnd zwischen babylonischen Suffkes, persischen Schwertträgern, jüdischen Sklaven. Durchweg ist das Hochglanzgesang.

Menetekel sollten ernst genommen werden. Der babylonische König Belsazar tat das nicht – und prompt war es aus mit seiner Herrlichkeit. Wer will, kann’s in der Bibel nachlesen, beim Propheten Daniel, Kapitel fünf, aber auch bei Griechen wie Herodot oder Xenophon. Belsazar fühlte sich zu weit oben, um zu fallen. Tja, so was kommt von so was.

Stimmlich blass

Doch Glück verhieß die aramäische Geisterschrift auch Georg Friedrich Händel nicht, als er 1745 sein Oratorium „Belshazzar“ in London uraufführte. Die Zuhörer verloren sich im Parkett, die für den Daniel besetzte Primadonna war indisponiert und nach drei Vorstellungen Schluss. Das nun droht der szenischen Umsetzung nicht, die Christof Nel gerade für die Berliner Staatsoper besorgt hat. Sie wird im Gegenteil nach Innsbruck weitergereicht, an die Festwochen der Alten Musik, und hinterher noch beim Festival in Aix-en-Provence zu sehen sein. Das ändert indes wenig daran, dass auch ihr dieses „Mene, mene, tekel, U-pharsin“ bescheinigt werden muss: gezählt, gezählt, gewogen – und für zu leicht befunden.

Zum einen, weil hier nicht nur Kristina Hammerströms Daniel mit stimmlichem Wankelmut irritiert, sondern auch Kenneth Tarver in der Titelpartie tenoral schwer daneben tönt und man sich von Neal Davies als Gobryas mehr Gefühlsdusel gewünscht hätte. Vor allem aber, weil die Regie die vokale Blässe nicht mit visuellem Kolorit kompensiert. Von Roland Aeschlimann hat sich Nel eine graue Rampenwand auf die Bühne stellen lassen, deren Steigeisen zwar etliche Kletterchoreografien ermöglichen, doch erstens ist die damit transportierte Metapher vom steilen Aufstieg und jähen Absturz eine arg vernutzte und zweitens fragt man sich nach solch einem auf zweieinhalb Stunden Spieldauer gedehnten Mauerblick schon, ob sich dafür das Veropern dieses Oratoriums wirklich gelohnt hat.

Natürlich steckt das Szenische drin in der Musik. Händel hat das gewollt. Mit einer gewaltigen Licht-und-Schatten-Dramaturgie, die nicht von ungefähr an Rembrandts Malereien erinnert. Es geht um Masse und Macht, Religion und Rache, die Verführbarkeit der Völker. Die Völker gibt hier der – wieder einmal zuverlässig phänomenale – Rias-Kammerchor, flugs wechselnd zwischen babylonischen Suffkes, persischen Schwertträgern, jüdischen Sklaven. Durchweg ist das Hochglanzgesang – und genau das ist ein Problem. Denn wenn die einen wie die anderen sind, die Haltungen verwischen respektive nur noch durch Requisiten wie Weinlaub oder Kippahs voneinander zu trennen sind, ist der Erkenntnisgewinn überschaubar: Allen ist alles zuzutrauen. Ach!? Und weiter?

Breit und breiig

Einsame Charaktere behaupten und verteidigen jedenfalls nur Rosemary Joshua als leidzermarterte Königinmutter Nitocris und Bejun Mehta als Eroberer Cyrus in koloraturfreudiger Counterlage.

Die Kunst im Umgang mit Händel ist, das Sehen mit den Ohren zu lehren. Auf René Jacobs ist da bisher immer Verlass gewesen. Diesmal freilich liefert er mit der Berliner Akademie für Alte Musik eine für seine Verhältnisse breite, gelegentlich sogar breiige Klangrede ab. Wo der belgische Barock-Spezialist sonst federnd pointiert und einem empfindsamen Concertato-Geist huldigt, scheinen ihm jetzt emotionale Eckwerte zu genügen. Auch seine vielgerühmte Fähigkeit, aus den häufig so öde geleierten Secco-Rezitativen pralle, die Handlung befördernde Rhetorik zu machen, blitzt zu selten aus dem Graben auf. Kurzum: Händel halbgar. Es sollte deshalb noch nachgefeilt werden. Das Stück hat es verdient.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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