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Querelen um den letzten König von Babylon

Volker Tarnow, Berliner Morgenpost, 03.06.2008

Händels "Belshazzar" zeigt Regisseur Christof Nel an der Staatsoper als ein Drama großartiger Stille

Am Ende herrscht Friede auf Erden. Der Perserkönig Cyrus hat Babylon besiegt, die Israeliten aus der Gefangenschaft befreit und sich selbst zum jüdischen Glauben bekehrt. Es war diese weitgehend unhistorische Wahrheit, die Händel und seinem Librettisten Charles Jennens 1744 so wichtig und aktuell erschien. Da das britische Recht keine biblischen Stoffe auf der Opernbühne zuließ, komponierte Händel seinen "Belshazzar" als Oratorium. Die Berliner Staatsoper hat es jetzt auf die Bühne geholt, wo es auch hingehört. Dirigent René Jacobs und Regisseur Christof Nel bewiesen wie alle anderen Beteiligten, dass Oper mehr sein kann als trivial-kantables Gefühlskino oder krampfhaft auf Zeitgeist polierter Infantilismus. Es wurde ein Abend großartiger Stille, ein Triumph philosophischen Tiefsinns.

Belshazzar, auf deutsch Belsazar, war laut Altem Testament der letzte König Babylons. Ihm erscheint mitten in einem Festgelage die gespenstische Schrift "Mene mene tekel upharsim" an der Wand. Der jüdische Prophet Daniel, mit seinem Volk in babylonischer Gefangenschaft lebend, deutet die Zeichen, er sagt Belsazar Untergang und Tod voraus. Noch in derselben Nacht erfüllt sich die Schrift.

Mütterlicher Appell an den saufenden Sohn

Händel interessierte sich nicht für Babylon; die furchtbarste Großmacht des Altertums kommt musikalisch bei ihm gar nicht vor. Aber es wird ein erstaunlich wissenschaftliches Bild gezeichnet, über hundert Jahre vor Entdeckung der alten assyrischen Hauptstädte. Babylon ist hier keineswegs der Inbegriff schierer, gottloser Größe; es ist wie Israel ein Staat, dessen Existenz theologisch legitimiert erscheint. Belsazars Mutter Nitocris fordert diese Rationalität auch ein, indem sie an ihren saufenden Sohn appelliert, nicht "das Reich der Vernunft" aufzugeben.
Die Überlegenheit der jüdischen Religion war entgegen biblischer Propaganda nicht der Monotheismus - Babylon betete im letzten vorchristlichen Jahrtausend, vor allem in seiner Glanzzeit unter Nebukadnezar II. auch nur einen einzigen Gott an, nämlich Marduk.
Der Erlösungsgedanke war Händel ebenfalls unwichtig. Sein "Belshazzar" kündet vom Judentum als einer Religion der Freiheit und des Friedens. Ausdrücklich werden "Krieg und Sklaverei" gegeißelt. Vermutlich verursachte diese politische Theologie den Misserfolg des Oratoriums. Denn England führte damals Krieg mit Spanien, dabei ging es um den Handel mit Sklaven.

Eine bewegende Rache-Arie

Der religiöse Pazifismus wird im Libretto auch reichlich plump serviert mittels Bekehrung des Perserkönigs. Dennoch gelingt es dem Countertenor Bejun Mehta, gerade diese fragwürdige Gestalt mit Leben zu erfüllen; sein warmes, in höchsten Lagen berückend homogenes Timbre sowie sein ganz auf christliche Zerknirschung orientiertes Schauspiel machen ihn zum eigentlichen Helden des Dramas. Rosemary Joshua beglückt als Nitocris mit erlesenem Sopran, Kristina Hammarström hat als Daniel nicht nur bei der Entzifferung des Menetekels beeindruckende Auftritte, Neal Davies alias Gobryas darf eine bewegende Rache-Arie singen. Belsazar gewinnt dank Kenneth Tarver eindringliches Profil; bewaffnet mit der Streitaxt, die er gern gegen Weinflaschen eintauscht, erinnert sein Bewegungsrepertoire vage an assyrische Relieffiguren. Die Akademie für Alte Musik klingt unter René Jacobs wohltuend sanft und scheint schon auf dem Weg zum Humanitätston der Wiener Klassik zu sein. Der Rias Kammerchor besticht als Kollektiv. Christof Nels Regie ist so unaufdringlich geraten, dass man sie anfangs nur als halbszenische Realisierung wahrnimmt. Erst im Laufe des Abends wird das im Dienste der Musik stehende Konzept klar; die Bühne mit einer seitlich betrachteten Wandelrampe auf fünf Etagen korrespondiert mit dieser Zurückhaltung ebenso perfekt wie die in Altgold und Bronze gehaltenen Kostüme. Man mag die Regie konservativ nennen. Sie konserviert Händels Musik mit Würde und stellt das Geschehen in den Vordergrund. "Balshazzar" ist 2008 so aktuell wie vor 250 Jahren. Wir brauchen keine amerikanischen Uniformen auf der Bühne und keinen Saddam, um dies zu verstehen.

 

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