RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Da hilft nicht mal die schönste Tempelgefäßschändung

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 03.06.2008

...dann begannen sie zu singen, und siehe, man hörte: Mag es dem RIAS-Kammerchor noch an szenischer Gewandtheit fehlen, musikalisch hat er fast als einziger Beteiligter des Abends die Wucht des Werks erfasst und vermittelt.

Unter Kennern gilt "Belshazzar" (1744) als das dramatischste Oratorium, das Händel je komponiert hat. Zur Erinnerung, falls Ihre letzte Lektüre des biblischen Buchs Daniel schon etwas zurückliegt: Der babylonische König Belshazzar hat die Juden gefangen genommen und verschleppt; nun feiert er das Fest zu Ehren seines Gottes Sesach und schändet dabei die gottgeweihten Tempelgefäße der Juden. Daraufhin erscheint eine Hand aus dem Nichts und schreibt MENE MENE TEKEL UPHARSIN an die Wand. Der König wird von Panik befallen, der jüdische Prophet Daniel deutet die Schrift als seinen bevorstehenden Untergang, gleich darauf erobert der Perserkönig Kyros die Stadt Babylon, bringt den bösen Belshazzar im Zweikampf ums Leben und unterwirft sich darauf stracks dem Gott Israels. Dass dieses darauf erklärt, Kyros solle jetzt den Heiden vom Herren künden, erinnert allerdings mehr an das Selbstverständnis der Seefahrer- und Kolonialmacht Englands zur Zeit Händels als an das Selbstverständnis des Judentums, das nie missioniert hat. Händels Oratorien waren ja auch Monumente eines aufkeimenden Nationalbewusstseins, nicht umsonst ist George Frederic Handel in der Westminster Abbey bestattet.
Ein Oratorium mit Tempelgefäßschändung, Orgien, Geisterhänden, Schlacht und Totschlag, da hat man schon was von, und der politische Aspekt, man muss ja nicht gleich plump aktualisieren, ist auch drin. Aufregender als die meisten Händel-Opern, in denen antike Feldherren Liebesarien zirpen, ist dieser grimmig-alttestamentarische Stoff ohne auch nur die kleinste Liebesarie allemal. Die Idee, "Belshazzar" szenisch aufzuführen, hat also durchaus Potenzial. So, wie es an der Staatsoper Unter den Linden am Sonntag geschah, sollte man es allerdings nicht machen.
Christof Nel, der an der Komischen Oper einst einen großartigen, mittlerweile leider etwas abgespielten "Freischütz" inszeniert hat und dann an der Deutschen Oper mit "Fidelio" ein Debakel hinlegte, das zum Ende der Intendanz Udo Zimmermanns führte - Christof Nel hat also diesem "Belshazzar" alle theatralische Dramatik, allen spannungsvollen Kampf der Kulturen gründlich ausgetrieben. Wo Perser, Babylonier, Juden aufeinander prallen müssten, bleibt alles mausgrau, steif, antriebslos (Dramaturgie: Jens Schroth). Die Sänger quälen sich über eine Reihe von hintereinander gestaffelten Rampen, die an die statische Bühne von Monteverdis "Marienvesper" erinnern, aber sich nur über kleine Sprossenholme beklettern lassen - eine Bühne vom Charme einer Brandmauer, deren einziger Vorteil sein mag, dass der Dirigent immer alles schön im Blick behält (Bühnenbild: Roland Aeschlimann). Babylons mächtige Wälle werden durch ein schwarzes Tuch markiert, das sich quer über den Bühnenaufbau ziehen lässt. Der Chor mutiert von Persern (oder Babyloniern) zu Juden, indem er sich eine Kopfbedeckung aufsetzt (Kostüme: Bettina Walter). Wenn es orgiastisch werden soll, wird ein Haufen Weinlaub oder dergleichen auf die Bühne geschmissen, aus dem sich jeder ein Kränzchen flechten muss (Szenische Analyse: Martina Jochem). Es ist das blasse Elend.
Und nicht einmal die musikalische Ebene, sonst pièce de resistance der Staatsopern-Barockaufführungen, vermag diesmal zu überzeugen. René Jacobs erreichte mit der Akademie für Alte Musik kaum einen Moment beredter Spannung, dynamisch undifferenziert floss die Musik zäh dahin wie Schokolade, die zu lange in der Sonne lag. Dazu kam eine ziemlich blasse Sängertruppe: Kristina Hammarström als Prophet Daniel intonierte zu tief, Bejun Mehta als anglisierter Perserkönig Cyrus vergurgelte seine ersten Koloraturen, legte dann aber zu, auch Rosemary Joshua als Nitocris, die besorgte Mutter und Koregentin des Belshazzar, gewann nach einem neutralen Beginn an Wärme und Ausdruck. Von der Regie weitgehend im Stich gelassen wurde schließlich der Darsteller der Titelpartie, Kenneth Tarver, der die ganze Zeit glotzäugig und mit einer Riesenkrone auf dem Haupt auf- und abstolzieren, seine goldene Axt schwenken und seine langen Glieder in alle Richtungen ausfahren musste. Leider sang der als Mozart-Tenor hervorgetretene Tarver auch ähnlich eindimensional.
Händels dramatischstes Oratorium? fragte man sich da, während die Babylonier oder Perser mal wieder planlos über die Bühne schlurfen mussten.

Aber dann begannen sie zu singen, und siehe, man hörte: Mag es dem RIAS-Kammerchor noch an szenischer Gewandtheit fehlen, musikalisch hat er fast als einziger Beteiligter des Abends die Wucht des Werks erfasst und vermittelt.

Wieder am 3., 6., 7., 10. Juni, 19 Uhr.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

Rundfunk Orchester und Chöre GmbH