
Der RIAS Kammerchor fing die musikalische Rhetorik der Chorsätze mit ausgefeilter Phrasierung, geschmeidigen dynamischen Kontrasten und einem schönen, homogenen Klangbild ein. Von mitreißender Rasanz waren die wenigen Turbachöre, perfekt gesungen die Choräle, makellos die Chorsolisten als Hohepriester Kaiphas und Kriegsknecht.
Um die materielle Grundlage für die erbauliche Absicht, "Irdisches Vergnügen in Gott" zu genießen, brauchte sich der Hamburger Ratsherr und Barockschriftsteller nicht weiter Sorgen zu machen: Barthold Heinrich Brockes konnte sich dank seines beträchtlichen Vermögens ganz ungestört der geistlichen Dichtkunst hingeben. Über seine schlichte Lyrik, die er in der neunbändigen Sammlung mit dem genannten Titel vereinigte, mag man heute lächeln, doch seine Zeit schätzte schwülstiges Pathos als Ausdruck demütiger Gottesfurcht ungemein.
So wundert es nicht, dass sein 1712 veröffentlichter Passionstext "Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus" gleich von mehreren führenden Barockkomponisten vertont. wurde.
Dass Händel dazugehörte ist bekannt: Seine "Brockes-Passion" ist gelegentlich immer noch zu hören. Auch Bach hat, zumindest in Fragmenten, den Brockes-Text in seiner Johannespassion unsterblich gemacht. Dagegen landete das Passionsoratorium aus der Feder Georg Philipp Telemanns, 1716 mit großem Erfolg in der Frankfurter Barfüßer-Kirche uraufgeführt, in den Archiven. Dass es allemal wert sei, diesem staubigen Schicksal entrissen zu werden, war die Übersetzung des verdienstvollen Barockspezialisten René Jacobs, der das Werk nach akribischen Gesichtspunkten neuester Forschung sichtete und es für eine authentische Aufführung im Sinne historischer Gegebenheiten wieder aufbereitete. Das Ergebnis zierte nun den Spielplan des Festspielhauses in Baden-Baden, wo die Rarität freilich nur eine begrenzte Zahl barockbegeisterter Oratorienfreunde anlockte.
Wer nun den Wert dieser Wiederbelebung ebenfalls als nur begrenzt ermisst, tut dem Werk Telemanns Unrecht, zumal angesichts der enormen Resonanz, die der Komponist damit erzielte: "Die Musik wurde an etlichen außerordentlichen Tagen in der Woche stark und ausbündig ausgeführet, bei Anwesenheit verschiedener großer Herren und einer unsäglichen Mengen von Zuhörern", notierte er stolz. Selbst wer in den Chorälen und kontemplativen Arien die spirituelle Tiefe der Bach-Passionen vermisst, wird die dramatische Intensität und die illustrative Kraft in der bewegten Schilderung der Leidensgeschichte, packende Chöre und affektbetonte Arien bewundern, die Telemanns Brockes-Passion weit über den Durchschnitt zeitgenössischer Produktion herausheben.
Ohnehin halfen René Jacobs und sein Ensemble dem Werk bei der Aufführung im Festspielhaus
über gelegentliche Schwächen und Längen durch ihre hohe Kompetenz in Fragen der barocken Spiel- und Gesangspraxis sowie durch Vitalität und Konzentration mühelos hinweg. Die mit einschlägige Instrumentarium samt Laute und Orgel besetzte Berliner Akademie für Alte Musik wurde höchste Ansprüchen ebenso gerecht wie der fabelhaft ausgeglichene, textverständliche und akzentuiert singende Rias-Kammerchor. Im Kreis der Vokalsolisten überzeugten namentlich die Frauenstimmen: Brigitte Christensen und Lydia Teuscher mit leuchtendem Sopran und Marie-Claude Chappuis mit expressivem Mezzo. Bei den Herren fielen vor allem Johannes Weisser (Jesus) mit samtenem Bariton und Daniel Behle (Evangelist) mit wendigem Tenor angenehm auf, während die Defizite des Tenors von Donát Havár (Petrus, Pilatus und andere) unüberhörbar waren. Trotz der geringen Abstriche: ein überzeugendes Plädoyer für die Aufnahme des Werks ins geistliche Barock-Repertoire.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
