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Hochprofis in der Philharmonie

Carsten Niemann, Tagesspiegel/Potsdamer Neueste Nachrichten, 22.04.2008

Ohne Konzept

Haydns Oratorium Die Jahreszeiten ist ein ebenso geniales wie naives Werk. Amateuraufführungen des Stücks haben deshalb einen entscheidenden Vorteil: Mögen Haydns Szenen aus dem Landleben auch hoffnungslos idealisiert, die Tonmalereien überbordend und das Lob des Fleißes übertrieben erscheinen – ein motivierter Laienchor kann das erhabene Werk leicht auf den Boden glaubwürdigen Bauerntheaters zurückholen. Doch Andrew Manze, der Rias-Kammerchor, das Deutsche Symphonie Orchester Berlin sowie die Solisten Sally Matthews, Jeremy Ovenden und Nikolay Borchev müssen als Hochprofis in der Philharmonie bestehen. Wer den Saal mit der Erwartung betrat, der Alte-Musik-Spezialist Andrew Manze würde die Widersprüche des Werks auf einer höheren Ebene auflösen, sieht sich getäuscht. Zwar gibt es besonders in den orchestralen Schilderungen elementarer Naturphänomene packende Momente zu erleben. Doch an vielen Details lässt sich beobachten, dass der Aufführung ein zwingendes dramaturgisches Konzept fehlt: Wenn der Chor etwa das Adjektiv „mächtiger“ mit erschreckend stählerner Kraft in den Saal schleudert, fällt er damit aus der Rolle des dankbar Gottes Güte preisenden Landvolks. Die Größe etwa eines René Jacobs, der selbst in typisierten Figuren die Konflikte und Charaktere jener Menschen zu entdecken vermag, die sich diese Figuren ausgedacht haben, zeigt der Dirigent Andrew Manze an diesem Abend nicht.

 

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