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Zwischen Leid und Leidenschaft

Heike Otto, Main-Echo, 18.03.2008

Akademie für Alte Musik Berlin beeindruckte in Frankfurt mit Brockes-Passion.

FRANKFIJRT. "Mein Sohn wird fort geschleppt, wird weggerissen. Hab' ich denn seinen Tod erleben müssen gekränkteMutter die ich bin?" Marias hohe Stimme zittiert. Streichinstmmente weinen, wimmern, klagen. ihre Töne von Schmerz und Verzweiflung durchddrungen, gehen einem durch Mark und Bein. Zusammen mit dem Rias-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik Berlin jagte René Jacobs dem Publikum in der Frankfurter Alten Oper am Samstag bei der Aufführung der "Brockes-Passion" einen Schauer nach dem anderen über den Rückern.

Mit Georg Philipp Telemanns Oratorium "Der für die Sünde der Welt leidende und sterbende Jesus" nach dem Text des Dichters Barthold Hinrich Brockes (1680-1747) ließen die Musiker die biblischen Szenen der Leidensgeschichte Christi vor dem inneren Auge gewahr werden.

Die Brockes-Passion ist ein Passionsoratorium; die Komposition ist gekennzeichnet durch eine dramaturgische ideale Abfolge von Szenen aus den Evangelien und poetischen betrachtenden Arien. Sie wurde 1716 in Frankfurt uraufgeführt. Die Musiker malten mit den Tönen Bilder von bestechender Deutlichkeit. Die barocke Dramatik verschmolz mit den gereimten Texten. Im Wechsel von rezitativem Sprechgesang und lyrischen Arien rissen Sopranistinnen und Tenöre in den Charakteren des Evangeliums den Zuschauer im Strom der Ereignisse mit. Die Leidensgeschichte wurde vorgetragen mit einer musikalischen Leidenschaft, die ihresgleichen sucht.

So besang der Tenor Donat Havar mit erhobener Stimme die stechenden Dornen, aus denen Jesu Krone vor der Kreuzigung geflochten wurde: "Hör wie sein knirschendes Geräusch, sein Drachenzähnen gleiches Laub durchdringet Sehnen, Adern, Fleisch". Von den hohen Streichern mit einem bösartige Geknister beantwortet, donnerte Celli und schrien Violinen auf. Gefühlsgeladene Töne flossen ineinander, um sich gleich wieder klar voneinander abzugrenzen: mal sanft und flüsternd, mal hart und ohrenbetäubend. Die Solisten überzeugten durch brilliante Reinheit. Sie beherrschten die große Bandbreite der Tonkurven von unglaublich emotionaler Dichte, wurden getragen von den Wogen der orchestralen Melodien im Wechsel mit dem stimmgewaltigen Chor.

Dirigent René Jacobs führte mit rückhaltenden Gesten, unterstützt durch ein weiches Nachfedern in den Knien, die Musiker durch das barocke Klangwerk. Mit Leichtigkeit und Geschmeidigkeit be-wegte er den Taktstock, dem Instrumente und Singstimmen wie selbstverständlich folgten - eine eingespielte Harmonie, die Bewunderung hervorrief.

"Hier erstarrte mein Herz und Blut, hier erstaunen Seel' und Sinnen." Einer stillen Andacht gleich lauschten die Zuschauer der Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis in der Rolle der Gläubigen Seele. "Denn Jesus Christus, Gottes Sohn, der wird die Himmelstür auftun und führn zum ewigen Lehen."

Die letzte Strophe des Chorals drückt die christliche Zuversicht aus und begleitet die Gedanken der Zuhörerschafft sicher weit über den Abend hinaus.

 

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