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Leidenszeit mit Alter Musik im Konzerthaus

Klaus Geitel, Berliner Morgenpost, 18.03.2008

Wie immer ein fabelhafter RIAS Kammerchor

Das "Zeitfenster", die gloriose Revue mit ihrem passionierenden Ausblick auf die Alte Musik, ist im Konzerthaus wieder bis zum Ostersonntag geöffnet. Den Beginn machte das ambitionierte Festival, das viele Künstler vereint, die in der Alten Musik Rang und Namen haben, mit einem schier riesigen musikalischen Brocken: der "Brockes"-Passion von Georg Philipp Telemann aus dem Jahr 1716 mit ihren sage und schreibe 172 Nummern, Chören, Arien, Rezitativen. Osterzeit ist halt Passionsmusikzeit. Eine Leidenszeit mitunter auch für die Zuhörer.

Telemann selbst erleichterte ihnen die Glaubensfron erheblich, verteuerte sie aber zugleich. Hätte das Konzerthaus es ihm doch nur gleichgetan! Keine Menschenseele hatte Zutritt zur Frankfurter Uraufführung der "Brockes-Passion" unter Telemanns Leitung, der nicht das gedruckte Textbuch in Händen hielt, um in die Dichtung einsteigen und ausmachen zu können, wer denn gerade sang: Judas oder die Dritte der Gläubigen Seelen, die Erste Tochter Zion, Maria oder die Erste Magd.

Die Kirchentüren waren zur Kontrolle des Libretto-Besitzes mit Wachen besetzt. Ohne Textbuch, keine Musik. Punktum! Demnach hätten die ausgezeichnete Akademie für Alte Musik und der wie immer fabelhafte RIAS Kammerchor, unter der sorgsamen Leitung von René Jacobs vereint, vor leerem Saal spielen müssen. Es war überdies so gut wie kein Wort zu verstehen.

Nun ist der Bekanntheitsgrad der Passionsmusik Telemanns natürlich weit geringer als der aller Passionen von Bach. Sie reiht brav und bieder die Erzählung der Handlung und ihre Reflektion, auf verschiedene Stimmen verteilt, hinter einander, bedarf dazu aber einer kleinen Heerschar von Elite-Sängern. Die aber standen Jacobs nur in beschränkter Zahl zur Verfügung.

So mischte sich gelegentlich Unzureichendes in die angestrebte Vorzüglichkeit. Es bedurfte schon einiger Geduld, dem Versuch, sich auf offener Bühne einzusingen, mit einigem Interesse zuzuhören. Danach wurde es allmählich besser. Dennoch blieben die Instrumentalisten, zumal die Block- und Traversflöten-Spielerinnen und Spieler, die Hornisten, die feinen Continuo-Interpreten auf Solo-Violine, Cello und Cembalo den singenden Kollegen an Finesse oft überlegen.

 

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