
Der Chor war sowohl im fülligen Choralgesang wie in bissiger Teilnahme am Gericht, die Solisten bestachen durch individuelle Gestaltung
Die Biennale Alter Musik im Berliner Konzerthaus gehört inzwischen zu jenen Köstlichkeiten, die das Publikum in Scharen anzieht. Zum vierten Mal öffnet sich das »Zeitfenster«, um vergessene Musikvergangenheit aufzuspüren. Mit dem merkwürdigen Slogan »Grüne Woche« wirbt man bis zum 23. März um Zuspruch. Das ist keine Konkurrenz zur ebenso benannten Lebensmittelmesse, allenfalls im vergleichbar reichlichen Angebot an musikalischen Spezialitäten. Vielmehr geht es um die Karwoche genannte Zeit vor Ostern – früher »Grüne Woche« innerhalb kirchlicher Riten –, die den thematischen Rahmen dieser Biennale kennzeichnet.
Mit dem glanzvollen Eröffnungsabend ging es gleich zur Sache. Georg Friedrich Telemanns »Brockes-Passion«, ein wenig bekanntes Oratorium von 1716, wurde durch Kenner und Spezialisten dargeboten: den Rias Kammerchor, die Akademie für Alte Musik Berlin und erlesene Solisten unter Leitung von René Jacobs. Ein erstaunliches und zugleich Ausdauer forderndes Erlebnis. Denn Textdichter Berthold Heinrich Brockes gab seiner Dichtung »Der für die Sünde der Welt leidende und sterbende Jesus« opulenten Umfang (insgesamt 117 Teile) und eine bildreiche, emotional durchtränkte Sprache, die zahlreiche Vertonungen anregte (u.a. eine Händels) und Telemann zu seiner fast dreistündigen Komposition inspirierte. Ein Werk, von frühbürgerlichem Geist durchzogen und nicht im liturgischen Rahmen angesiedelt.
Telemann, über Jahrzehnte in Hamburg Director musices und einer der erfolgreichsten Komponisten seiner Zeit, steht heute hinter Bach und Händel zurück. Die meisten seiner Werke sind noch zu entdecken. Dafür gab das »Zeitfenster« dieses anregende Beispiel.
Was an Telemanns Werk auf Anhieb fesselt, ist eine dramatische Aktion, die fast opernhafte Züge besitzt. Die Stationen der Passion Christi, vom Abendmahl über Gefangennahme, Petrus' Verleugnung, Verurteilung, Verspottung und Kreuzigung sind von aufregender Dichte, die immer wieder durch lyrische Arien aufgebrochen, ins Menschliche gekehrt. Telemanns Kompositionskunst ist reich an Ausdrucksfacetten und gestalterischer Intensität. Das Handlungsgeschehen, weitgehend nach Matthäus, wirkt realistisch und daher gleichsam aktuell. Das Ende ist nicht klagende Trauer, sondern meint im Jubel der Trompeten und einer Triumpharie Erlösung, Sieg des Lebens.
Die Aufführung hat eben solche Entdeckung mit höchstem künstlerischen Anspruch bereichert: Der Chor war sowohl im fülligen Choralgesang wie in bissiger Teilnahme am Gericht, die Solisten bestachen durch individuelle Gestaltung. Besonders zu nennen: die Sopranistinnen Birgitte Christensen (dramatisch) und Lydia Teuscher (anmutig), der Mezzo Marie-Claude Chappuis, der Bariton Johannes Weisser und der Tenor Daniel Behle. Die Instrumentalisten der Akademie für Alte Musik brillierten in perfektem Zusammenspiel und wundervollen Soli (Oboe) – alles unter dem zügigen wie behutsamen, expressiven Dirigat von René Jacobs.
Eine Entdeckung auf jeden Fall, aber mit Mangel: Die Textverständlichkeit ließ zu wünschen übrig und die Wortbeigabe der Veranstalter war sehr dürftig. Telemann war einst weitsichtiger: Er ließ nur Besucher zur Uraufführung eintreten, die im Besitz des gedruckten Textes waren. Da blieben Brockes Dichterworte nicht außen vor.
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de
