RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Heilsplan statt Idylle

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 20.12.2007

"Der RIAS-Kammerchor glänzt mit Bachs Weihnachtsoratorium"

Immer noch ist das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach unentbehrlicher Bestandteil jeder Adventszeit im protestantischen Raum, auch wenn es kaum je mit all seinen sechs Teilen gespielt wird. Vielleicht wird sich das auch nicht ändern; obwohl es dafür Anzeichen gibt, dass sich Bachs Ruf allmählich doch verschiebt. Noch Adorno hielt es für nötig, Händel kleinzumachen und Telemann für ganz nichtswürdig zu erklären, um Bach gegen seine Liebhaber zu verteidigen. Heute kann man Händels Mut zur erhabenen Simplizität und Telemanns wilde Experimentierlust viel eher schätzen. All das nimmt Bach nichts von seinem Rang, nur die musikalische Landschaft um ihn herum tritt klarer hervor.

Am Dienstag also erklang das "Oratorium,/ Welches/ Die heilige Weyhnacht/ über/ In beyden/ Haupt=Kirchen/ zu Leipzig/ musiciret wurde" (wie das Stück im Erstdruck des Textbuchs genannt wurde) in einer seiner vielen alljährlichen Aufführungen im Konzerthaus, und man darf getrost sagen, dass es eine der besten war, vielleicht sogar die beste, die es in Berlin dieses Jahr zu hören gab. Auch sie setzte nicht auf Vollständigkeit, fügte den üblichen ersten drei Kantaten aber immerhin noch die sechste hinzu.

Das fremd gewordene Ritual

Hans-Christoph Rademann, der Leiter des RIAS-Kammerchors, dirigierte diesen und die Akademie für Alte Musik Berlin, und das Ergebnis war eine reine Freude, so plastisch wurde musiziert und gesungen, so beschwingt und sicher waren die Tempi. Nur die Arie "Schließe, mein Herze, dies selige Wunder" war auffallend langsam genommen, da sie aber von der Altistin Franziska Gottwald gesungen wurde, deren warmem, innigen und intimen Ton man ohnehin ewig zuhören möchte, machte das gar nichts. Daneben beeindruckte auch der Tenor Maximilian Schmitt als teilnahmsvoller Evangelist, der auch in der Arie "Frohe Hirten, eilt, ach eilet" die tückischen Zweiunddreißigstel-Passagen, die sonst immer zur Qual für Sänger und Hörer geraten, einigermaßen souverän nahm. Einen neutralen Eindruck hinterließen dagegen der Bassist Roderick Williams und die Sopranistin Jutta Böhnert.

Es war also eine heiter stimmende Aufführung, die auch zu Recht bejubelt wurde. Aber so menschenfreundlich, froh und bewegend das Weihnachtsoratorium immer wieder klingt und stimmt, so darf man vielleicht auch sagen, dass es doch ein sehr seltsames Stück ist. Im Weihnachtsfest selbst sind wir ja gewöhnt, eine überirdische Idylle zu sehen, den Augenblick der Menschwerdung in all seiner Selbsterniedrigung, zugleich aber auch einen Moment des unschuldigen Innehaltens in der Unerbittlichkeit des Heilsplans. Die Pauken und Trompeten, die hier von den allerersten Takten an immer wieder das Geschehen bestimmen, sind aber Herrschaftsinstrumente, Herrschaftszeichen. Gott darf nicht Kind sein, ohne dass uns sofort seine Majestät eingetrommelt wird. Die Beschaulichkeit der Situation in der Krippe wird immerfort schon überformt durch ihre heilsgeschichtliche Beschlagnahme. Das Kind ist noch gar nicht auf der Welt, da singt der Alt schon von seinem liebsten Bräutigam, da wird schon das Ereignis der Menschwerdung für den frommen Seelenwinkel nutzbar gemacht. Natürlich gehen die Texte auf das Konto des Librettisten Picander, und man muss Bach schon bewundern, dass er trockenes Zeug wie "Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen/Tröstet uns und macht uns frei" überhaupt vertonen konnte.

Aber es ist doch erstaunlich, wie fremd dieses Bach-Stück wird, wenn man es einmal nicht als eine alljährliche Selbstverständlichkeit betrachtet. Vielleicht gehört auch das zu der eingangs erwähnten Verschiebung. Wenn klassische Werke deswegen klassisch sind, weil sie immer wieder neue Fragen aufwerfen, dann wird es höchste Zeit, einmal zu fragen, was an Bachs Weihnachtsoratorium eigentlich so weihnachtlich sein soll.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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