
"Nun durfte Berlin mitglucksen über die virtuose Nachahmung von Windböen durch die Choristen, über das kollektive 'Hmmmh!' wie von Biolek beim Kochen."
Damen machen ja immer Geräusche. Auf ihren Pumps können sie keinen Schritt tun, ohne dass man sie kommen hört. Oder wenn sie in der S-Bahn an der Wasserflasche nippen: Aufschrauben, Schluck, zuschrauben, wieder aufschrauben, Schluck, zuschrauben. Rechnet man pro Schluck vier Sekunden, so klackt und knirscht das Aufschraub-Zuschraubgeräusch etwa fünfzehn Mal pro Minute. Und wenn sie dabei noch Gebäck aus der Tüte knabbern, so halten sie die Teigware im Papier fest (jeder Mann würde, triebpragmatisch, das Ding in die Hand nehmen und - haps, haps! - weg damit), knistern beim zagen Beißen ausgiebig herum und kontrollieren mit ihrer zarten Sensomotorik den einsetzenden Verdauungsprozess. Die Handtaschensoundscape ist längst eine Kabarettnummer geworden: "Sie macht das Handtäschchen auf, holt das Geldtäschchen raus, macht das Handtäschchen zu, macht das Geldtäschchen auf ." Eigentlich wäre es doch mal Zeit für ein Damenstück der Klangkunst, so eine Geräuschkomposition mit Gender-Aspekt. "Anmut und Unmut" könnte der Titel sein.
Anregungen fände man bei Mauricio Kagel, gewissermaßen dem Helge Schneider unter den zeitgenössischen Komponisten "ernster" Musik. Der Rias-Kammerchor gab am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie einen reinen Kagel-Abend, der eigentlich von Kagel geleitet werden sollte. Weil es dem Komponisten aber gesundheitlich gerade nicht gut geht - wir wünschen dringend gute Besserung! - übernahm James Wood das Dirigat, der im Übrigen genau wie Kagel aussieht. Es wurde viel gelacht an diesem Abend: vom Publikum, von den Sängerinnen und den Sängern.
Das Lachen brauchte längeren Anlauf, denn das erste Stück - "Quirinius' Liebeskuss" - war von einer lustvollen Anmut, die eher lächeln als lachen macht. Wir denken dabei vor allem an den heiter tänzelnden Instrumentalpart der Musikfabrik Köln, der an die neobarocken Ergötzlichkeiten eines Jacques Ibert oder Jean Françaix erinnerte.
Aber dann ging's richtig los: "Verborgene Reime" heißt das Stück für Stimmen und Schlagzeug, das der Rias-Kammerchor bei Kagel in Auftrag gegeben und diesen Sommer in Bonn uraufgeführt hat. Nun durfte Berlin mitglucksen über die virtuose Nachahmung von Windböen durch die Choristen, über das kollektive "Hmmmh!" wie von Biolek beim Kochen. Auch über Kagels Poesie: "Es träumet Narretei . Neckerei. Nackedei. Nascherei. Jugendfrei . Dideldumdei. Dudelei. Tandaradei". Das muss alles unbedingt in die nächste Auflage von Ernst Rohmers "Lyrischem Holzbein".
Und schließlich wäre Kagel nicht Kagel, wenn er die Aufführung nicht als Theaterform begriffe: Hildegard Wiedemann aus dem Chor-Alt wurde als Solistin angekündigt. Als alle Sängerinnen und Sänger mit dem Rücken zum Publikum vor sich hinmurmelten, lugte sie listig unterm Notenpult vor und eräugte eine riesige Rasselschale aus trockner Tierhaut mit Drahtfransen. Der gierige Blick der großen Frau sagte nur eins: "Haben! Wollen! Ich!" Und als der Schlagzeuger ihr das Ding übergab, gefror sie in stummer Ekstase auf dem Parkett kniend. Aus das Stück. Ein Haydn'scher Trugschluss in szenischer Form.
Für das einundzwanzig Jahre alte "Mitternachtsstük" nach Texten des 18-jährigen Robert Schumann hatte man eine echte Solistin als Sprecherin eingeladen: die berühmte Sängerin Hildegard Behrens. In traumeswirrem Singsang flog sie durch den Gruseltext wie eine weiße Frau durchs Schloss. Es ist ein eigentlich ernster Text: Gustav, Selene und ein Prinz sinnen bei Mondschein und knarrenden Fenstern über Gott und die Unsterblichkeit nach. Ein Gerippe spielt dazu auf einer Orgel Walzer. Die Reflexion führt zur Verzweiflung, aus der es nur zwei Auswege gibt: den Champagner und den Trost der Musik. Und am Ende wird das Leben selbst als unaufgelöste Dissonanz begriffen.
Aber bei Kagel tritt hervor, was an diesem Text auch Pose ist: abgeschaut von den Schriftstellern Jean Paul und Bonaventura. Die Geräuschkulisse macht einen Spaß daraus: Sekt wird in Gläser gegossen und zur Schallverstärkung noch synchron in einen Flaschenkühler gestrullt. Eine Türklingel (mit Wackelkontakt, wenn möglich) kommt zum Einsatz. Butterbrotpapier imitiert das Laubrascheln. Und zur Andeutung von Schritten auf der Treppe sind Steinplatten zu schlagen - mit zwei Damenpumps!
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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