RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Die Kunst des Weglassens

Wolfgang Fuhrmann, Berliner Zeitung, 05.11.2007

Der zweite Teil von Zagroseks Gluck-Zyklus im Konzerthaus "Großartig sang der stark beanspruchte Rias-Kammerchor."

Christoph Willibald Gluck war ein Meister der Reduktion. Das Wesentliche war für ihn das Drama, deswegen räumte er aus der Opera seria alles weg, was seiner Vorstellung von Drama widersprach: Koloraturen, Da capo-Arien, kunstvolle Handlungsschlingen und -knötchen, die ein Poet wie Metastasio dazu benutzte, hier noch eine Zornes- und dort noch eine Liebesarie anzubringen. Der Musikdramatiker Gluck verachtete alle "überflüssigen Ornamente", wie er im Vorwort zum Partiturdruck der "Alceste" erklärte, und strebte nach einer "bella semplicità", einer schönen Einfachkeit. Deswegen lag das aufklärerische Jahrhundert vor ihm auf den Knien.

Und dann hat Gluck, als wohl erster, das Drama auch im Orchester stattfinden lassen. Das Orchester gewährt uns den Blick ins Innere, es spricht aus, was die Personen denken und fühlen. In "Alceste" (1767), die am Donnerstag im Konzerthaus heftig gekürzt den zweiten Teil von Lothar Zagroseks Gluck-Zyklus bildete, sind das vorwiegend Gefühle der Trauer und des Schmerzes: Erst liegt ja König Admet im Sterben, dann erfährt seine liebende Gattin Alceste, dass der Gott Apollo verfügt hat, jemand dürfe sich für den König opfern und ihm so das Leben retten. Alceste ringt sich schweren Herzens zu dem Opfer durch, stirbt, wird betrauert und dann von Apollo wiedererweckt. Dies alles wird natürlich durch die Stimmen vermittelt, vor allem aber eben durch ein Orchester, das mit den einfachsten Mitteln den größten Effekt erzielt.

Und hier hat Gluck in Zagrosek einen wahrhaft kongenialen Interpreten gefunden, einen, der die Ausdruckswerte der Musik anspitzt, den Klang aufrauht und Gegenwärtigkeit schafft. Ein Seufzermotiv, ein Vorhalt, ein verminderter Septakkord klingen bei Gluck und Zagrosek plötzlich nicht mehr nach einem tausendmal gebrauchten Klischee, sondern aufregend neu, schlank und nervös. Eine schlichte Oboenkantilene, ein pulsierender Streicherrhythmus, ein Posaunenakkord erzielen eine Wirkung, die andere nicht mit dem zehnfachen Aufwand erreichen. Und ein neapolitanischer Sextakkord wirkt so ergreifend, dass er trotz Wiederholung stets aufs Neue ergreift.

Mit dem Kopf in den Noten

Was sich im Orchester begibt, ist Musikdrama. Teilweise teilt sich das auch durch die Sänger mit, obwohl sie in dieser "Konzertanten Aufführung mit Szene" oft sogar ein wenig gehemmt wirken. Jemand, der über eine noch so behelfsmäßig wirkende Rampe schreitet, der agiert, der sollte nicht den Klavierauszug unterm Arm tragen, noch weniger den Kopf beim Singen in den Noten haben. Es grenzt ans unfreiwillig Komische, wenn der an sich schön singende Dominik Wortig seine erregten Ausrufe ("Oh Alceste, oh figli, oh divisione, oh morte!") ablesen muss. Auch Christiane Oelze wirkte trotz einiger starker Momente unfrei im Italienischen, vor der Pause auch etwas heiser. Einen starken und stilgerechten Eindruck machte Marie-Claude Chappuis als Ismene; von Johannes Chum (Evandro) hätte man sich mehr Ausdruck statt nur gepflegten Wohllauts gewünscht.

Großartig sang der stark beanspruchte Rias-Kammerchor. Szenisch war der Abend eingerichtet worden von Joachim Schlömer und Susanne Øglænd, auch beide gut im Weglassen. Das Drama verkürzten sie auf einige Slogans, die auf die Fläche des schon aus der Produktion von Glucks "Orfeo" her bekannten Kubus projiziert wurden. Die Beziehungen zwischen den Figuren verkürzten sie auf geometrische Anordnungen; man bewegte sich nur in geraden Linien und rechten Winkeln fort oder aneinander vorbei. Das ist nun eine Allerweltsstilisierung, die zu allem gleich gut oder gleich schlecht passt. Dem dramatischen Puls von Glucks Musik stand sie eher im Wege. Für eine konzertante Aufführung mit Szene mag die Zukunft viele fruchtbare Ansätze bringen. Diese hier hätte man einfach - weglassen können, und Glucks Drama hätte dadurch gewonnen.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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