
Der Kölner Komponist dirigierte ein schönes Konzert mit eigenen Werken "... bestens dargeboten (...) vom Rias-Kammerchor".
Wie wenige Komponisten ist Mauricio Kagel ein homo literaticus, ein echter Bücherwurm. Stets auf der Suche nach geeigneten Texten zu musikalischen Ideen, hat der Bibliomane in Antiquariaten und Archiven schon so manches Vergessene aufgestöbert. Fündig wurde er auch bei Robert Schumann, der selbst lange zwischen einer Laufbahn als Literat oder Musiker schwankte. Im November 1828 schrieb der damals 18-Jährige vier kurze, miteinander zusammenhängende Erzählungen in sein Tagebuch. Es sind schwül-schaurige Fieberfantasien mit allen dazugehörigen Abziehbildchen - Trauerweide, Mond, Totengräber, Nachthemd, Gottesacker, Somnambulismus; alles überzogen mit - wie Nietzsche später höhnte - reichlich “Trunkenboldigkeit des Gefühls”.
Erkundungen in derlei Bereichen jenseits des normierten guten Geschmacks sind Kagels Spezialität. In seinem 1980-86 entstandenen “Mitternachtsstük” (Originalorthografie) nimmt er Schumanns Textfragmente als Vorlage für ein auf der Bühne sichtbar gemachtes Hörspiel, wo zu entsprechenden Stellen der weihevoll-monoton vorgetragenen Erzählung (Sprecherin Hildegard Behrens) hör- und sichtbar Ketten rasseln, Papier knistert, Hände in Kies scharren, Stöckelschuhe über Steinplatten trippeln, Gläser klirren.
Auch durch die gesungene wörtliche Rede der drei Hauptfiguren und den atomsphärisch kommentierenden Chor wird das Verhältnis von Gemeintem und Gemachtem erfahrbar gemacht. So entsteht ein ironisches Brettel-Theater, das den Romantiker als Vater der Klamotte zeigt - und jetzt in der Bonner Bundeskunsthalle bestens dargeboten wurde vom Rias-Kammerchor, seinen Solisten und dem Ensemble musikFabrik unter Leitung des Komponisten.
Auf der Suche nach einem nur aus einsilbigen Wörtern bestehenden Text stieß Kagel 2001 auf den barocken Mystiker, Missionar und Experimentaldichter Quirinus Kuhlmann, der ein Drittes Testament schreiben wollte und 1689 in Moskau als Ketzer verbrannt wurde. Während in “Quirinus' Liebeskuss” das Instrumentalensemble mit munteren Melodie- und Begleitfloskeln losschnattert, wird die rhythmische Mechanik der gereihten Einsilber vom Chor dadurch verstärkt, dass er den kompletten Text zunächst zweimal einstimmig skandiert und erst dann mehrstimmig singt. Diese Weitung verfehlt gegen Schluss des Stücks zwar nicht ihre Wirkung, ist vorab aber mit allzu viel Gleichlauf erkauft.
Nonsens mit Reimwörtern
In seinem jüngsten Werk, den vom Rias-Kammerchor in Auftrag gegebenen und uraufgeführten “Verborgenen Reimen”, betätigt sich Kagel selbst als Texter. Polyglott durch ein halbes Dutzend Weltsprachen setzt er die Schlussverse verschiedener Lyrik in einer - plappernden Kindern nachempfundenen - écriture automatique mit eigenen Nonsens-Folgen an Reimwörtern samt Assoziationen an französischen Rundtanz, spanische Tarantella und afrikanische Trommeln fort: “Dideldumdei. Dudelei, Tandaradei. Mauchelei. Tausenderlei. Vogelfrei. Jederlei. Sei. Keimfrei. Kniefrei. Vorbei...”
RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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