Hans-Christoph Rademann gab sein Antrittskonzert beim RIAS Kammerchor
Chordirigenten stehen normalerweise nicht im Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit. Reine Chorkonzerte sind selten; bei Musik für Chor und Orchester zieht meist der Orchesterleiter alles Interesse von Publikum und Kritik auf sich, während die Einstudierung des Chores nur am Rande bemerkt wird. Beim RIAS Kammerchor aber ist das anders. Er zählt seit geraumer Zeit zu Europas Spitzenensembles, hat sich vom Rundfunkchor zum glänzenden Konzert- und Schallplattenchor entwickelt, und vom Glanz des Ensembles profitiert auch der jeweilige Künstlerische Leiter, der dazu ja nicht wenig beiträgt.
Am Sonntag dirigierte Hans-Christoph Rademann in der Philharmonie sein Antrittskonzert als neuer Künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchores. Gernot Rehrl - Intendant der Berliner Rundfunkorchester- und -chöre GmbH, zu welcher der Kammerchor auch gehört - gab bei seiner kurzen Rede zu diesem Anlass bekannt, dass Uwe Gronostay zum Ehrendirigenten des Chores ernannt worden sei. Gronostay hatte das Ensemble von 1972 bis 1986 geleitet und das Fundament für die heute einzigartige Position des Chores gelegt.
Rademann, 1965 in Schwarzenberg geboren, in Dresden ausgebildet und seit 1999 auch Chordirektor des Norddeutschen Rundfunks, hat als neuer Ensembleleiter vor allem die Aufgabe, das hohe Niveau des Chores und dessen stilistische Vielseitigkeit von der Musik des Mittelalters bis zu zeitgenössischen Werken zu wahren. Was die Chefdirigenten seit Gronostay an Spuren beim Chor hinterlassen haben, bewegt sich im Bereich feinster Nuancen: Marcus Creed richtete den Klang auf den silberhellen, glockenartig schimmernden Sopran aus. Daniel Reuss, Rademanns Vorgänger, versuchte, dem Chor etwas mehr erdige Fülle zu geben und den Raum für stimmliche Individualität zu vergrößern. Rademann will die klangliche Homogenität des Chores wahren und doch verhindern, dass der Chorklang "neutral" wird, sich beziehungslos zum Text verhält.
Ein Magnificat und zwei Psalmvertonungen von Antonio Vivaldi standen auf dem Programm des Sonntagskonzerts. Besonders im Magnificat hat der Chor reichlich seine Wandlungsfähigkeit bewiesen: Gebunden, weich und alle harmonischen Schmerzwendungen auskostend wurde Gottes Barmherzigkeit besungen - hingegen scharf deklamierend, die Silben beißend und kauend von Gottes Gewalt gegen die Hoffärtigen berichtet. Die Akademie für Alte Musik - die gerade ihr 25-jähriges Bestehen feiert und bei Harmonia Mundi eine farbig-forsche CD mit Doppelkonzerten von Vivaldi herausgebracht hat - trat mit dem Chor in einen rhetorisch überfeinerten Dialog. Besonders schön: das Anschwellen der Lautstärke jeweils in Oboen oder Chorstimmen, wenn ein liegender Ton von einer Konsonanz zur Dissonanz wird, bevor er sich wieder zur Konsonanz auflöst.
Von den Gesangssolisten hinterließen die streng synchron atmenden Bassisten Henryk Böhm und Marek Rzepka in ihrem Duett den stärksten Eindruck. Die Sopranistin Johannette Zomer und die Altistin Bogna Bartosz agierten mit ihren Stimmen zu zierlich, um immer vernehmbar zu sein. Dem Tenor Colin Balzer fiel es leichter, sich auf den großen Saal der Philharmonie einzustellen. Historische Musizierpraxis braucht eben auch die entsprechenden Räume.