Der Rias-Kammerchor und Philippe Herreweghe sind auf Tournee und am Sonnabend in Berlin
Zwölf Jahre Jesuitenschule - das prägt. "Wir hatten täglich eine Stunde Chorgesang", erinnert sich der Dirigent Philippe Herreweghe an seine Kindheit und Jugend im belgischen Gent. "In der Passionszeit wurde jeden Tag die heilige Messe gefeiert. Wir haben gregorianischen Choral dazu gesungen. Ansonsten herrschte im Schulgebäude in jenen Wochen ein striktes Schweigegebot." Auch wenn Herreweghe sich heute als "nicht-religiösen Menschen" bezeichnet, ist er über diese Prägung froh. Der studierte Mediziner und ausgebildete Psychiater hat sein Leben sehr bald ganz in den Dienst der Musik gestellt, vorrangig der geistlichen. Beeindruckt von Pionieren der historischen Aufführungspraxis wie Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt reifte Herreweghe zu einem der bedeutendsten Bach-Dirigenten unserer Zeit heran.
Aber: "Ich bin kein Barock-Spezialist". Das sagt er immer wieder. Er lebe in einem geistigen Kontinuum, das von der franko-flämischen Vokalmusik des 16. Jahrhunderts über Bach bis zu Bruckner reiche. Auch zeitgenössische Werke, von Pascal Dusapin etwa, dirigiert Herreweghe öfter. "Ich bin stolz, in Flandern geboren zu sein", sagt er leise, als wir in Brügge unweit vom neuen Concertgebouw zusammensitzen. "Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich bin kein Nationalist. Aber als Flame ist mir die französische Musik genauso zugänglich wie die deutsche."
Den Tod nicht verdrängen
Der Unterschied zwischen der germanisch und der romanisch geprägten Welt ist musikalisch noch heute zu spüren. Brahms oder Bach seien in Frankreich oder Italien nach wie vor nicht recht heimisch geworden, bestätigt Herreweghe. "Aber ich war oft in Spanien, in Valencia. Da stoßen Sie auf große Begeisterung für diese Musik. Das hat damit zu tun, dass die italienische und teils auch die französische Kultur den Tod verdrängen. Es sind Kulturen der Jugend, der Schönheit und der Eleganz. Die Kulturen Spaniens und Deutschlands aber setzten sich intensiv mit dem Tod auseinander; sie waren geradezu fasziniert vom Tod." Und für solche spirituellen und mentalen Schwingungen früh sensibel gemacht worden zu sein, erfüllt den stillen Grübler bis heute mit Dankbarkeit.
Stolz ist auch Bernhard Heß, der neue Chordirektor des Rias-Kammerchors. Stolz darauf, dass so eine Gestalt wie Herreweghe dieses vokale Präzisionsinstrument aus Berlin ausgewählt hat für ein großes künstlerisches Wagnis: Seit Ende Februar haben der Chor, der Dirigent und sein Pariser Orchestre des Champs-Élysées in Brügge zusammen geprobt, um die Erfahrungen mit Alter Musik auf die Chorsinfonik der Romantik zu übertragen. Gearbeitet wurde am "Schicksalslied" und an der "Altrhapsodie" von Johannes Brahms sowie an der immensen f-Moll-Messe von Anton Bruckner, die in Berlin für das Label Harmonia Mundi auf CD aufgenommen werden soll. Zuvor ist der Chor auf Tournee: von Brügge nach Utrecht, Brüssel, Amsterdam. Mit dieser Tournee und dem Plattenprojekt festigt sich der Ruf des Rias-Kammerchores weiter: als Spitzenensemble, das sich in der Barockmusik genauso versiert bewegt wie in der Romantik und der neuen Musik. Und er ist ein Ensemble, das sich - wie im aktuellen Fall - auch in der Beschäftigung mit etablierten Werken der klassisch-romantischen Tradition einer grundlegenden Überprüfung der eigenen künstlerischen Mittel aussetzt. Am Sonnabend kann das Berliner Publikum in der Philharmonie das Ergebnis dieses abenteuerlichen Unterfangens beurteilen.
Abenteuerlich ist dieses Vorhaben, weil Herreweghe so ganz Anderes will als das, was die deutsche Tradition lange mit Brahms und Bruckner gemacht hat. Keine Monumentalität mehr, die auf Druck, Gewalt, Überwältigung beruht, sondern ein neues, glaubwürdiges Pathos, das die geistige Zustimmung von uns Heutigen verdient.
Herreweghe bei der Arbeit mit den Sängern und Instrumentalisten zu beobachten, ist sehr berührend. Er erklärt, indem er etwas zeigt. Mit seinem gut geschulten, eindringlichen Bariton singt er dem Chor oder dem Orchester vor, wie es klingen muss. Bis in alle Einzelheiten gibt sein Gesang dabei die Klangfarben und Phrasierungen vor.
Seine Arbeit ist eine Revision der musikgeschichtlichen Entwicklung der letzten hundert Jahre. Erst habe sich das Singen vom instrumentalen Spielen getrennt, dann auch noch das Spielen vom Dirigieren. Herreweghe versucht, auf dem Fundament des Singens diese Äußerungen des Musikalischen wieder zusammenzuführen. Gesang ist bei ihm die Einheit von Atem, Puls, Sprache und Klang - auch dort, wo nur Instrumente spielen.
Wie die Grammatik federt
Zudem merkt man dem Zugriff auf Bruckner und Brahms Herreweghes Schulung durch die Gregorianik an. Der gregorianische Choral gibt - anders als die rhetorisch aufgeladene Musik des Barock - keine Rede-Gesten im Affekt wieder, sondern bildet Sprache in ihrer grammatischen, sinnbestimmten Gliederung ab. Und so, wie die Gregorianik eine "prä-rhetorische" Musik ist, gilt Herreweghe Brahms und Bruckner als "post-rhetorisch".
Durch leichte Akzente gibt er beim Proben die Schwerpunkte des Singens und Spielens vor. Die Musik wird in sich flexibel, beginnt, hin und her zu schwingen, zu federn. Aber dieses Federn ist kein sich selbst genügender Effekt: Es folgt dem Satzbau des Textes, den Punkten und Kommata, den Zeilenumbrüchen der Verse, den Worten, auf die alles ankommt. Man hört dem Herzschlag der Grammatik zu, der Seele der Interpunktion. Die Streicher mit ihren Darmsaiten legen sich beim "Schicksalslied" wie ein zartes, transparentes Tuch über Knochen und Muskeln der Worte. Und die Solistin Ingeborg Danz singt - leuchtend, aber schwerelos - in der "Altrhapsodie" einfach zum Niederknien.