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Wenn ein Kraftwerk zur Kathedrale wird

Dass unverstärkte Stimmen so einen Raum füllen, die Töne nach dem letzten Singen noch sekundenlang im Raum stehen bleiben, ist eine Wunderwerk-Symbiose zwischen Chor und Architektur.

Es ist schummrig: Im Trafo, im ehemaligen Kraftwerk Mitte, beginnt gleich ein Konzert des Rias Kammerchors unter der Leitung von Dirigent Hans-Christoph Rademann. Die größtenteils 40- bis 60-jährigen Besucher suchen mit eigens mitgebrachten Taschenlampen oder den schwach leuchtenden Displays ihrer Handys selbst in den entlegensten Ecken des verwinkelten Industrie-Baus nach Hockern, ein paar Liegestühle gibt es auch noch.

Einsam verteilte, blaue Scheinwerfer weisen ihnen den Weg.

"RIAS", das steht für Rundfunk im amerikanischen Sektor. Der Chor, bereits 1948 gegründet, avancierte schnell, neben dem RIAS Tanzorchester, zu einem der Aushängeschilder des innovativen Rundfunksenders, der 1970 schon ganze Rock- und Pop-Nächte ausstrahlte. An diesem Abend singt der Chor "Klang. Raum. Stille", ausgewählte religiöse Stücke von Gregorio Allegri, Gustav Mahler, Mendelssohn Bartholdy bis zu Rachmaninoff.

Singen von der Empore

Von einer Empore in rund 20 Metern Höhe beginnt ein Soloquartett den Abend. Gregorio Allegris "Miserere", eine Vertonung des 51. Psalms aus der Reihe der sieben Bußgebete. Die drei Frauen (zweimal Sopran, ein Alt) und der Männerbass sehen von weitem aus wie Minenarbeiter, Lichter flackern um ihre Köpfe. Die Melodie aus dem 17. Jahrhundert ist von einer Heiligkeit durchzogen, die säkulare Haushalte nur um die Weihnachtszeit erleben, der einzigen Zeit im Jahr, in der kirchliche Musik überhaupt noch gehört wird. Das Solo des Soprans, man meint die Englein singen zu hören. Die Männerstimmen, die Tenöre auf der gleichen Ebene wie die Zuschauer, wandern gegen den Uhrzeigersinn um diese herum. Raumklang, ein Wort, das man sonst nur aus dem Kino kennt, wird erfahrbar. Eine Etage tiefer steht der Hauptchor um den Dirigenten. Dreidimensional hören ist fast unheimlich, aber unheimlich schön.

Der Abend ist in drei Abschnitte unterteilt. Musik 1, Musik 2 und Musik 3. Dazwischen steht "Stille". Die hört man nur bedingt. Eine Lederjacke knarzt bei jeder noch so kleinen Bewegung, eine Bierflasche wird umgestoßen, Münzen rasseln in der Tasche. Der Chor positioniert sich neu. "Gleich kommt der schönste Teil des Abends", flüstert ein begeisterter Weißwein-Trinker, graue Haare, rote Weste, einer Frau in einer Survival-Jacke mit Tatze drauf zu. "Mahler", schwärmt er.

Der Chor umkreist den Dirigenten

Die Sängerinnen und Sänger haben um den Dirigenten einen großen Kreis geformt. Alle ganz in schwarz gekleidet, man sieht nur Köpfe und Hände und die kleinen, an die Notenhefter geklippten Lichter. Einige ganz mutige Besucher wagen sich in den innersten Zirkel. Wie ein Ritus sieht das nun aus. Der Dirigent streicht zärtlich Noten in den Raum "Ich bin der Welt abhanden gekommen,/ mit der ich sonst viele Zeit verdorben,/ sie hat so lange nichts von mir vernommen,/ sie mag wohl glauben, ich sei gestorben", heißt es im Text des fränkischen Dichters Friedrich Rückert. Mahler arrangierte fünf Texte des Lyrikers, für Singstimme, Klavier oder Orchester. Dass unverstärkte Stimmen solch einen Raum füllen, die Töne nach dem letzten Singen noch sekundenlang im Raum stehen bleiben, ist eine Wunderwerk-Symbiose zwischen Chor und Architektur. Für das menschliche Ohr, das Musik nur als Spannungsunterschiede durch Kabel geleitet kennt, klingt das wie der Ursprung aller Töne.

Der letzte Ortswechsel bringt die 37 Stimmen und den Dirigenten an den Eingang des Gebäudes. Eine Frau aus Steglitz rumpelt ihren Plastikeimer nach vorne. Auf Rachmaninoffs "Otce Nas" freut sie sich besonders. Zum Papst, "Oh Gott, niemals", wollte sie nicht. Und überhaupt, der Besuch verschwende ja so viele Steuergelder. "Otce Nas" ist übrigens das Vaterunser.

 

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