RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Schlüssig im Streit: Trauer und Boshaftigkeit

Peter Uehling, Berliner Zeitung, 04.01.2006

Daniel Reuss bringt Händels "Solomon" mit dem Rias-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik zum Leuchten

Für seine Händel-Aufführungen war der Rias-Kammerchor seit den Tagen Marcus Creeds berühmt. Was war das für eine Pracht und ein Feuer, die dieser große Chorleiter aus diesen Werken zu schlagen wusste! Verständlich, dass Creeds Nachfolger als Leiter des Kammerchors, Daniel Reuss, sich Zeit ließ, bis er selber ein Händel-Oratorium aufs Programm setzte. Im Neujahrskonzert in der Philharmonie war es soweit: Mit dem späten "Solomon" hatte Reuss ein Werk gewählt, das ganz anders geartet ist als die zupackenden und bunten Lieblingsstücke Creeds. Wegen seines Mangels an Dramatik, seiner Neigung zum staatstragenden Tableau, ist es gar berüchtigt; lediglich im zweiten von drei Akten setzt der Streit der zwei Frauen um ein Kind und Salomos berühmtes Urteil einen dramatischen Akzent.

Reuss wählt auch interpretatorisch einen ganz anderen Ansatz. Während Creed auf Zuspitzung und Straffheit setzte, verfährt Reuss ausgleichender, milder, auch passiver. Daran muss man sich zunächst gewöhnen. So fehlt es etwa den Themen der Arien an Prägnanz, da gibt es keine Melodie, die haften bleibt. Aber es wird deutlich, dass Händels Arien nicht wie die Bachs mit dem thematischen Material arbeiten, sondern jeder Wendung des Affekts und auch dem Spiel der Interpreten offenstehen. Es gibt in dieser Musik Dinge, die wichtiger sind als der motivische Diskurs. Und die bringt Reuss ganz ruhig zum Leuchten. Es kann ein Klang sein wie etwa die gedämpften Naturtöne im Schlusschor des ersten Teils, es kann ein Wechselspiel sein zwischen Violinen und Bässen wie in Zadoks Arie "Golden coloumns", es kann der Gegensatz der Affekte sein wie im berühmten Terzett Salomos und der beiden um ein Kind streitenden Frauen. Darin streitet die Traurigkeit der wahren mit der Boshaftigkeit der falschen Mutter, und über allem stehen die ruhigen Linien des königlichen Richters. Der Text wird dabei fast unwichtig, der Wechsel der musikalischen Charaktere vollzieht sich schlüssig, das Raffinement, mit dem Reuss der fabelhaft spielenden Akademie für Alte Musik und seinem Chor vielfältigste Farbspiele entlockt, geht sinnvoll und unspektakulär in den Vortrag ein, so dass die Musik allein bereits restlos beglückt. Sie wird auch über drei Stunden nicht zu lang.

Sarah Connolly singt die an sich nicht dankbare Rolle des weisen Königs Salomo derart durchdacht, dass es nicht nur musikalisch in jedem Moment interessant ist, sondern durch das Durchdachte auch ein Rollenporträt ersten Ranges entsteht. Dabei sind die stimmlichen Mittel nicht übermäßig reich und die Gestaltungsmittel selten drastisch, aber gerade daraus erwächst ihrem Vortrag eine einzigartige Konzentration. In der Sparsamkeit, mit der Connolly Akzente setzt, liegt auch ein großes Formbewusstsein, indem eine differenzierte Gipfelkette von Höhepunkten gezeichnet wird. Carolyn Sampson singt üppiger, als "erstes Weib" (die echte Mutter) schlägt sie einen expressiven Ton an, den man bis dahin in dieser Aufführung noch nicht vernommen hatte. Als Königin von Saba singt sie verhaltener, phrasiert jedoch mit einer Intelligenz, die Sarah Connolly nicht nachsteht.

Veranstaltungen eines solchen Ranges sind auch in Berlin nicht oft zu hören. Gemessen am PR-Auftritt ist der Rias-Kammerchor das unauffälligste Ensemble dieser Stadt, keine grellen Broschüren, kein soziales Engagement, kein Personenkult wirbt für ihn. Er musiziert im Vertrauen darauf, dass ernsthafte künstlerische Arbeit auf höchstem Niveau ihr Publikum immer finden wird. Für das neue Jahr und für die Zukunft ist ihm das nur zu wünschen.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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