RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Innere Unsicherheit

Jörg Königsdorf, Der Tagesspiegel, 25.11.2005

Mozart-Visionen: René Jacobs’ „Titus“ in Berlin

Konzertante Opernaufführungen haben alle miteinander ein frustrierendes Qualitätsmerkmal: Je besser und lebendiger sie sind, umso mehr wünscht man sich eine richtige Bühne herbei. In Mozarts „Titus“ wird das schon in den ersten Takten der Ouvertüre offenbar. René Jacobs macht aus dem kurzen, oft nach verstaubtem Pomp klingenden Stück im Konzerthaus einen aufregenden Curtainraiser, katapultiert das Publikum mit den ersten krachenden Akkordschlägen direkt in die bürgerkriegsähnlichen Zustände des kaiserlichen Rom und lässt die energiegeladenen Streicher des Freiburger Barockorchesters gegen die schmetternde imperiale Autorität der Pauken und Trompeten anrennen. Aufruhr der Gefühle, Revolutionsmusik – wie könnte es auch anders sein bei diesem Stück, das sich mit dem Bröckeln kaiserlicher Macht beschäftigt, während in den Ohren der Zeitgenossen schon das Donnergrollen der französischen Revolution rumort?

Wie wohl kein anderer Dirigent hat Jacobs ein Ohr für die Risse, die durch das Gebälk der Mozart’schen Musik gehen, für die Widersprüche, die innere und äußere Umwälzungen im Inneren der Figuren auslösen. Spätestens sein Grammy- prämierter „Figaro“ hat den Barockopernwundermann zum richtungsweisenden Mozartdirigenten gemacht. Denn Jacobs dirigiert nicht nur süßen Seelenschmerz, er macht auch hörbar, wie sehr Mozart das Echo mitkomponiert hat, dass seine Zeit in den Figuren hinterlässt – das Infragestellen aller Werte und Institutionen, das 1791 so gegenwärtig war wie in kaum einer anderen Epoche. Gerade dieses aus dem Historischen geholte Verständnis macht seinen Mozart so unerhört modern: Mozarts Menschen, so Jacobs, sind mit den tiefgreifenden Veränderungen ihrer Zeit überfordert. Sie sind Suchende, die ihren Platz erst neu finden müssen.

Auch „La clemenza di Tito“ ist ein Drama der Verunsicherten: Sesto, der Verschwörer wider Willen, dem die wunderbare Bernarda Fink den ganzen Enthusiasmus und die haltsuchende Zärtlichkeit der Pubertät mitgibt. Oder Alexandra Pendatchanska Vitellia, deren horrende Wechsel ins tiefe Register hier von der tiefen Verunsicherung erzählen, die sich hinter der Schaufassade der herrischen Spitzentöne verbirgt. Und natürlich auch Mark Padmores Titus, der sein Selbstbild vom noblen Herrscher im Laufe des Abends nur mühselig aufrecht- erhält, und in dessen Tenor im zweiten Akt plötzlich dunkle, verzweifelt verdrängte Seelenfarben aufsteigen. Eine Mozart-Vision, der zur Vollkommenheit, wie gesagt, nur noch eines fehlt: die Bühne.

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