RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Dirigierpraxis für Manager

Jens Lehmann, Inforadio rbb, 04.10.2005

Die Interpretation des Bachchorals „Brich an Du schönes Morgenlicht“ klingt nicht sehr entschlußfreudig. Vor den Sängerinnen und Sängern steht Gerald Blomeier. Keine neue Dirigentenhoffnung mit eigenwilligen Vorstellungen von Barockmusik, sondern der erste von fünf Managern, die sich auf ein bemerkenswertes Experiment eingelassen haben.

Gerald Blomeier: Ich habe keine Ahnung von Musik, ich habe als Schüler das letzte Mal irgendwie im Chor gesungen und von daher ist das alles sehr sehr lange her. Und daß man eine Management-Trainingsmethode mit Musik anbieten wollte, da konnte ich mir gar nichts drunter vorstellen.

Aber genau darum geht es an diesem Abend in der Kreuzberger Kunstfabrik am Flutgraben. Peter Hanke, ein dänischer Dirigent und Dozent an der Business School von Kopenhagen lud zu einem Workshop unter dem Titel: "Die Kraft des Ensembles - Dirigierpraxis für Manager".
Das Publikum verteilt sich auf Holzbänken im Ausstellungsraum, irgendwo dazwischen haben sich Sängerinnen und Sänger des RIAS-Kammerchors platziert. Die sollen die Wirtschaftsvertreter nun dirigieren - unvorbereitet, ohne vorher zu wissen, welche Musik sie erwartet. Es kommt zu Verwirrungen.

Und doch formt sich - mit ein wenig Unterstützung durch Peter Hanke - von Mal zu Mal ein besseres Ergebnis. Das Gefühl für die Klänge ist entscheidend. Und man merkt schnell, unter welchem Dirigat sich der Chor wohl fühlt und entfalten kann - und unter welchem nicht. Stephanie Petitlaurent ist Sopranistin im RIAS-Kammerchor und beschreibt ihre Eindrücke.

Stephanie Petitlaurent: Man merkt es, daß es auf ein Miteinander ankommt, daß eben die Sänger selber sehr viel einbringen, aber der Dirigent das formen kann - aber er kann es auch nur formen, wenn er sich freimacht von dem was kommt. Also da war einer dabei, da habe ich gedacht: nee, also gar nich - oder der allererste eben, der schon viel viel da reingelegt hat in seinem Unwissen - und doch hat er soviel gegeben. Also das war eben ganz toll.

Sind Manager also doch die besseren Dirigenten? Zumindest haben beide Berufsstände große Gemeinsamkeiten, wie Peter Hanke findet. Er hat schon viele solcher Workshops organisiert und hat daraus einige Erkenntnisse gewonnen.

Peter Hanke: Der Dirigent verkörpert die Leitfigur in der modernen Gesellschaft und den Bedarf nach inspirierenden, anregenden Führungskräften. Mein Job als Leiter ist es, die Energie und den künstlerischen Ausdruck aufzunehmen und voranzubringen. Das ist mit einer Führungsposition in der Gesellschaft genau dasselbe. Man wird zu einer sichtbaren Führungskraft, die jedoch sehr genau auf die Angestellten hört.

Gegen Ende demonstrieren die Mitglieder des RIAS-Kammerchores dann genau jenen Aspekt des Musikmachens, der im Zentrum des Workshops steht: Das Einanderzuhören und miteinander kommunizieren. Sie singen das Nachtlied von Max Reger einmal ohne Dirigenten und wechseln sich ganz im Sinne der Musik in der Führungsrolle ab - rotation leadership würden die Manager das wohl nennen.

Spätestens diese Erfahrung sollte den Teilnehmern deutlich zeigen, daß ein Manager viel mehr Medium als Führer zu sein hat und nur geringfügig in die Prozesse seiner aufeinander eingespielten Mitarbeiter eingreifen sollte. So zumindest Peter Hankes idealisierte Vorstellung der Berufswelt. Gerald Blomeier zieht dementsprechend für sich das Fazit.

Gerald Blomeier: Ich denke, es sind viele viele emotionale Anregungen hier drin, die weniger in Rezepten dann münden sondern eher in einer Wahrnehmung - ganz klar ist diese Methode darauf ausgerichtet, sein Gegenüber zu respektieren und ihn zur Entfaltung voranzubringen.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
Tickets Telefon: +49.30.20298725 - Mo-Fr 9-18 Uhr, E-Mail: tickets@rias-kammerchor.de, www.rias-kammerchor.de

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