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Ausgetüftelt - Raffinierte Zeitreise des Rias-Kammerchors

Volker Tarnow, Berliner Morgenpost, 23.10.2005

Musikalische Zeitreisen sind immer reizvoll. Man hört Unbekanntes und Verwandtes, findet Orte im Musikatlas, die weit auseinander zu liegen scheinen und sich doch ganz nahe sind. Zum Beispiel das Pariser Studio für Tontüftler, genannt Ircam. Hier sind fast nur ausgeflippte Akustiker zugange, glauben viele, Komponisten und Forscher, die sich mehr für Frequenzen als für Klänge interessieren. Weit gefehlt!

Der Rias-Kammerchor überraschte gleich zu Beginn mit einem Werk von Philippe Manoury, einem A-cappella-Stück, das die besten Traditionen der frühen Moderne fortsetzt, das sich sogar Anklänge an die orthodoxe Verspredigt der Ostkirche erlaubt und insgesamt verblüffend sinnlich und expressiv daherkommt. Ircam-Dozent Manoury liebt offenbar Versteckspiele. So hat er 2001 für "Slova" einen tschechischen Text bemüht, weil ihn die starken Konsonanten daran reizten, aber wohl auch die Nähe zu dem aus Böhmen stammenden Gustav Mahler. Welch ein subtiles, lautmalerisches, humorvolles Werk ist Manoury da gelungen. Es schickte die Stimmen des Kammerchors in unendlich tiefe Klangräume, von einsamen Pfeiftönen durchhallt.

Am Ende der Reise standen im Kammermusiksaal Olivier Messiaens "Cinq Rechants" von 1948, deren melodische Einfälle von großer, spiritueller Reinheit sind. Der Rias-Chor und seine Solistinnen formulierten sie auf bezwingende Weise, Timo Nuoranne aus Finnland erwies sich als souveräner wie unaufdringlicher Dirigent. Die Zeitreise führte zwischendurch ins Hochmittelalter, brachte aus den "Cantigas" des weisen Alfonso X. leider nur drei Instrumentalstücke, die Marco Ambrosini auf der Fidel dafür um so gewitzter vortrug.

 

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