RIAS Kammerchor Berlin

RIAS KAMMERCHOR

Singen wie die Pommern

Jan Brachmann, Berliner Zeitung, 25.10.2005

Der Rias-Kammerchor widmete sich dem Mittelalter

Der Rias-Kammerchor hat nicht viel Erfahrung mit der Musik des Mittelalters. Aber, das sprang einem am Sonntag im Kammermusiksaal der Philharmonie ins Auge, die Sängerinnen und Sänger sind von Ungeduld und Freude bewegt, über die Grenzen ihrer Erfahrung hinauszugehen. Uwe Gronostay und Marcus Creed, die Chefdirigenten der letzten zwei Jahrzehnte, haben mit dem Chor eine Gesangskultur erarbeitet, die sich ideal der Musik vom mittleren 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert anschmiegt. Der jetzige Chefdirigent, Daniel Reuss, nannte das bei einem Gespräch im Sommer einen lyrischen, sehr beweglichen Klang. Bei Haydn, Brahms und Mendelssohn hat der Rias-Kammerchor seine sängerische Mitte. In dem Konzert am Sonntag, das der finnische Dirigent Timo Nuoranne leitete, wurde diese Mitte kühn ausgespart.

Anfang und Ende des Konzerts bildeten Philippe Manourys Komposition "Slova" von 2001 und Olivier Messiaens "Cinq Rechants" von 1948, zwei Werke, die sich querständig positionieren zu dem, was traditionell "Sprache" heißt. Manoury hat tschechische Texte so sehr verklanglicht, dass die Bedeutungen der Worte nebensächlich werden. Und Messiaen hat sich eine Sprache ausgedacht, die eine grammatische Ordnung vortäuscht, ohne dass die Worte noch zeichenhaft zu begreifen wären. Dabei wird auch der Stimmklang zerlegt: in Gesang und Geräusch, der Gesang selbst abenteuerlich zerklüftet in gezackte Linien mit riesigen Tonsprüngen. Was da von den Solistinnen in Sopran und Alt geleistet wurde, verdient große Bewunderung.

Beschreibung von Tongestalten

Zwei biblische Totenklagen standen in der Mitte des Programms, jene der Rachel um ihre Kinder und jene Davids um Saul und Jonathan. Sie stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert und sind in Neumen notiert, einem Schriftsystem, das von heutigen Noten grundsätzlich abweicht. Es geht weniger um die Festlegung von genauen Tonhöhen und -dauern, als um die Beschreibung von Tongestalten, die sowohl die Form von Sprache als auch die Atemkurven des Singens umreißen. Man darf diese Stücke also nicht Ton für Ton im Gleichmaß singen, sondern muss dabei den Rhythmus der Sprache erfassen und zugleich die üppigen Ornamente schwung- und sinnvoll gliedern.

Das ist dem Chor gut gelungen. Die parallele Zeilenmelodik in der Davidsklage, fast schon hymnen- oder sequenzartig, erschloss sich ganz wunderbar. Und in den Klagerufen der Rachel, ihrem "Heu! Heu! O dolor (Weh, weh, o Schmerz!)" spürte man, dass es schon im Gesang des 12. Jahrhunderts Gesten des Ausdrucks gegeben haben muss, die über das Nachzeichnen der rein logischen Form von Sprache hinausgingen. Klanglich waren die Frauen des Chores mit ihrem gerundeten, vibratoreichen, traditionell schönen Ton der historischen Mitte ihres Repertoires weit mehr verpflichtet als die Männer. Bässe und Tenöre hatten sich bereits etwas von jenem rauen Klang angeeignet, der heute von Spezialensembles für mittelalterliche Musik kultiviert wird: die Annäherung der Stimme an sirrend-schnarrende Instrumente wie Zinken, Pommern und Schalmeien.

Begleitet wurden die Totenklagen mit improvisatorischer Regsamkeit von Katharina Dustmann auf verschiedenen Trommeln und von Marco Ambrosini auf der Schlüsselfidel. Die Schlüsselfidel ist ein Streichinstrument, das man wie eine Gitarre hält, wobei die Saiten über Tasten mit einer Tangentenmechanik wie beim Clavichord abgegriffen werden. Ambrosini kann mit allen Tricks musikalischer Überredungskunst auf diesem Instrument spielen. Als er eine der spanischen "Cantigas de Santa Maria" aus dem 13. Jahrhundert vortrug, klang das fast wie Musik aus dem 19. Jahrhundert, etwa die Zigeunerweisen von Pablo de Sarasate - das alles in einer girrenden Virtuosität, dass das Publikum davon gar nicht genug bekommen konnte.

RIAS Kammerchor, Charlottenstraße 56, 10117 Berlin, Germany
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